Das Bild zum schrägen Ton

3. Dezember 2004, 12:17
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Das Opernhaus in Gera entwickelt sich zum Geheimtipp für avanciertes Musiktheater

Gera - Blühende Landschaften im Osten hatte der Helmut Kohl einst versprochen, aber der Blick in die neuen, oder - politisch korrekter formuliert - mitteldeutschen Bundesländer bietet oftmals eher Trübsinn. Arbeitslosigkeit, Zuwächse rechter Parteien - auch zahlreiche Theater- und Orchesterauflösungen. Mittlerweile scheint die Talsohle zumindest im Kulturellen gestoppt - in den vergangenen Jahren nahm der Theater- und Konzertbesuch stark zu, auch das Publikum verjüngte sich - dies wohl dank pädagogischer Angebote und einem insgesamt etwas "jüngerem" Programmangebot.

Unmittelbar nach der Wende 1989 gerieten einige traditionsreiche DDR-Kulturstätten künstlerisch wie finanziell in zum Teil erhebliche Schieflagen. Binnen Kurzem wurden die in der DDR sehr erfolgreichen Unterhaltungsorchester aufgelöst, ferner verabschiedeten sich mehr als 20 weitere Konzert- und Theaterorchester von der Bildfläche.

Zur Rettung der ostdeutschen Kulturlandschaft setzte man vielerorts auf Fusionen, wie beispielsweise in Gera und Altenburg. 1995 schlossen sich die Theater in Gera und dem nahe gelegenen Altenburg zusammen. Während man anfänglich den Spielplan eher konservativ hielt und kaum inszenatorische Risiken einging, hat sich das Theater Altenburg-Gera inzwischen zum Geheimtipp entwickelt.

Zum Vierspartenhaus ausgebaut (Schauspiel, Oper, Ballett und Puppentheater), widmet es sich, neben der leichteren Kost, vor allem im Schauspiel (junge Stücke von jungen Autoren) und im Musiktheater avancierteren Projekten. In den letzten Jahren lud man vermehrt "unberechenbare" Regisseure ein und ging auf Entdeckungsreise, mit Korngolds Toter Stadt oder Johann Kresniks Projekt Die sechste Stunde, das als (skandalträchtige) Uraufführung für Aufregung sorgte.

Nun reüssierte Gera fulminant mit der selten gespielten Janácek-Oper Die Ausflüge des Herrn Broucek. Das ist vordergründig die Seelenreise eines Prager Kleinbürgers, der eines Nachts über den Durst trinkt und sich während seines komatösen Rausches einmal an anderem Ort (dem Mond), einmal in einer anderen Zeit (dem Hussitenaufstand im 14. Jahrhundert) wähnt. Überall trifft er dieselben Gestalten:

Es gibt verkorkste Dichter, mannstolle Weiber und so manch überdrehtes Künstlervolk findet sich ein und macht dem Protagonisten das Leben schwer. Matthias Oldag entwirrte Janáceks opulenten Opernbrocken und fand das rechte Bild zum schrägen Ton. Auf abstrakter Bühne mit nach hinten verlaufenden Magritte-Fenstern turnt der Trunkenbold samt unfreiwilligem Gefolge zweieinhalb kurzweilige Stunden herum und sucht das Erwachen vom Albdruck.

Bevor ihm das gelingt, muss er auch sängerisch einiges bewältigen - von lyrisch-melancholischer (Alp-)Traumverlorenheit bis zum dissonanten Abwehren liebestoller Damen reichen die Kontraste in jener Partitur, die sich doch von Janáceks naturrauschigem und eher sanft gebrochenem Melos abhebt. Dennoch sind hier auf leichte, aber nie leichtfertige Weise all jene Topoi vorzufinden, wie sie den großen tragischen Opern des tschechischen Meisters zu Eigen sind: die Rolle der Frau in einer spießbürgerlichen Gesellschaft, unterdrückte Gefühlsregungen und auch die Frage, wer bzw. wo man ist.

In Gera wird das Ganze zu einem bunten, abgründigen Zauberspiel, nie kitschig und getragen vom guten Ensemble mit guten Einzelleistungen: Andreas Conrad (Broucek) und Gerlinde Illich (einmal Amazone, einmal Hausfrau, einmal Mondwesen). Gabriel Feltz, bald Leiter der Stuttgarter Philharmoniker, agiert dynamisch und präzis - kein Patzer stört das Tohuwabohu. (Jörn Florian Fuchs/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 11. 2004)

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