Als Schmusekätzchen unter Geiern: "Die Katze auf dem heißen Blechdach"

6. Dezember 2004, 19:26
posten

In Andrea Breths Inszenierung von Tennessee Williams' Stück im Wiener Burgtheater ist die Kunst nicht immer ganz vom Kunstgewerbe zu unterscheiden

Wien - Tennessee Williams' Katze auf dem heißen Blechdach hat, entgegen dem kätzischen Anschein, im Wiener Burgtheater ein gröberes Häschen- oder Bunny-Problem. Im Hause Pollitt, einer blassblau winkeligen, hoch in den Südstaatenhimmel emporragenden Zimmerflucht (Ausstattung: Annette Murschetz), durch die eine Schar überwiegend fettleibiger Kinder tobt, und die obendrein Löcher in der Decke hat, als schlügen regelmäßig Meteore im Mississippi-Delta ein, hat eines der "halslosen Monster" der schönen Lieblingsschwiegertochter Maggie (Johanna Wokalek) einen Schokoladefleck hinterrücks aufgedrückt.

Maggie klatscht sich zum Kaschieren Kleenex aufs Gesäß und findet nicht einmal Zeit, sich den Fleck näher zu besehen. Sie bewegt ihre makellos langen Beine wie eine doppelwertige Kapitalanlage durch das sinnlos riesige Studiozimmer und schnattert.

Das schmale Kätzchen gibt den pompös rauschenden Wundersturmvogel, der den sich stoisch betrinkenden, auf der Krücke wie an einer Kapitulationsfahne lehnenden Gemahl Brick (Markus Meyer) mit rasendem Flügelschlagen erst umwerfen und dann ins Bett hinüberziehen will. In der denkwürdig schematischen Hollywood-Verfilmung war es Elisabeth Taylor, die die Passivität des sich am Tod eines ehemaligen Sportlerfreundes selbstmitleidig weidenden Paul Newman auf den Eheprüfstand stellte. Die These musste natürlich lauten: Wer an der Taylor die Ehepflicht nicht vollziehen mag, der ist für die Heterosexualität absehbar nicht zu gewinnen.

Regisseurin Andrea Breths Idee, die selbstbewusste Sinnlichkeit eines Weltstars gegen die Verführungsanstalten eines Backfischs einzutauschen, der mit allen tränenfeuchten Anzeichen der Verzweiflung so tut, als brenne ihm gleich der Zwetschkenkuchen im Backherd an, verfängt nicht. Sie stellt das lange, erste Drittel dieses in Wahrheit doch hoch aufgeregten, mit Feuerwasser aufgekochten, mit Lebenslügen abgeschmeckten, mit Beziehungsschmalz eingeriebenen Stückes erst einmal auf Sparflammenbetrieb.

Patriarchendämmer

Denn irgendwann - die Eheschlacht tobt und trägt die Hassliebenden doch nicht vom Fleck ins Bett - fliegen die Türflügel auf. "Big Daddy" (Gert Voss), das Geburtstagskind, macht seine Aufwartung: den Zigarillo im Mundwinkel, eine schmierig glänzende Seidendompteursjacke über dem geschundenen Bauch (Patriarch Pollitt hat Darmkrebs), lässt sich dieser unvorstellbar reiche, unendlich vereinsamte Plantagenbesitzer Knurrgeräusche abringen und Furzwitze entlocken.

Ein schauerlicher Greis, der am Zigarrenschleim herumschmatzt und seinen Verwandtenhass begierig abschmeckt. Ein deutlich frankophiler Europaverächter, dem die umherirrende Gemahlin "Big Mama" (Elisabeth Orth) als verfinstertes Gespenst im Hauskleidkaftan begegnet: ein Star.

Er drängt Sohn Brick zur Aussprache - und sein himmelhoch geraunztes "Heuchelei!", mit dem er die lauernden Aasgeier von den unsichtbaren Horchposten zu scheuchen versucht, sticht bizarr ab von der öden Betriebsamkeit der Erbschleicher, voran der feiste Anwalt Gooper (Cornelius Obonya) und dessen Frau Mae (Sabine Haupt), die im glitzernden Goldlamettakleidchen die hochschwangere Haushaltsfregatte mimt. Warum nun vermag Breths episch breite Bemühung kaum jemals zu berühren - selbst dann nicht, als Lieblingssohn Brick nach Genuss von rund zwei Karaffen Whiskey mit der verborgen gehaltenen Wahrheit der Krebskrankheit herausrückt? "Big Daddy" bohrt mit dem Finger in der Geburtstagstorte - das ertappte Greisenkind muss jetzt, den Griff am Kuchenwagen, sterben gehen. Die Unflätigkeiten, deren er sich wie Wegräumkommandos bedient hat, sind erloschen.

Ab nun reißen nämlich die Erben am Seidenfell des Pflanzer-Bären, und Meyer, der sich Daddys Papierkrone aufgedrückt hat wie ein froststarrender Winterkönig, huscht nur noch vorüber. Mit ihm herein segelt das abfallende Winterlaub. Der Dauphin zieht es vor, kein König mehr zu werden. Es folgt die Zimmerschlacht der Erbnachfolger: mit einer Königinmutter (Orth), die im eigenen Ehemausoleum wie ein bleikratzendes Mirakel spricht.

Breths nunmehr auf Brülllautstärke gestellte Atriden-Schlacht verrieselt in bürgerlichen Erbfolgekriegen. Die Angstanatomie in der (amerikanischen) Moderne ist sie doch einigermaßen schuldig geblieben. Das ist, trotz begeisterten Beifalls: kein Triumph. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 11. 2004)

Zum Thema

Lauter sexuelle Gürteltierfresser
Burgtheaterstar Gert Voss im STANDARD- Interview
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein zähes Familienringen kristallisiert sich rund um "Big Daddy" Gert Voss.

Share if you care.