Chinesische Autodrachen auf dem Sprung nach Europa

16. Dezember 2004, 14:14
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Weil Chinas eigener Automarkt im Gegensatz zum westlichen Glauben an seinen unendlichen Boom an Grenzen stößt, drängen große chinesische Player nach außen

Der Autogroßkonzern Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC) hat im Verdrängungswettbewerb die Nase vorn - mit seinem geplanten Einstieg beim britischen Rover-Konzern und einer Vielzahl anderer Engagements im In- und Ausland. Einige große chinesische Automobilkonzerne sind Mehrfachbeteiligungen mit ausländischen Pkw-Gruppen eingegangen und schielen auch in Richtung Ausland. Die SAIC-Sprecher in Schanghai wiegeln zwar noch ab und sagen, der Deal mit Rover sei noch lange nicht in trockenen Tüchern, aber Europa ist eindeutig Ziel. Der Konzern will zugleich an modernes Autodesign und Ingenieurtechnik für den eigenen Gebrauch kommen.

Das Staatsunternehmen hat in seiner 20-jährigen Joint-Venture-Zusammenarbeit mit Volkswagen und seit fünf Jahren mit General Motors bisher nur Modelle von VW oder GM für China hergestellt, aber keine eigenen Wagen entwickelt. Chinas Wirtschaftspresse enthüllte schon Ende Oktober Verhandlungen zwischen SAIC und Rover. Dabei ging es um gemeinsam verfolgte Pläne, ein in Polen ansässiges Werk des koreanischen Autoherstellers Daewoo-FSO zu übernehmen. Da dessen einstige Mutterfirma Daewoo zu General Motors gehört und SAIC mit zehn Prozent an GM-Daewoo Automotive beteiligt ist, bot sich für SAIC der polnische Deal an.

Letzer Wachstumsmarkt der Welt

In Chinas Automobilindustrie geht es verschachtelt zu. Alle internationalen Konzerne stürzen sich auf den letzten Wachstumsmarkt der Welt. Die Wirtschaftszeitungen zitieren Warnungen des renommierten Experten Shao Qihui vom Verband der Autoingenieure, der die riesige, aber zersplitterte Autoindustrie von Ausmaß, Stärke und Potenzial im Verhältnis erst auf dem Stand der USA um 1924 sieht. SAIC ist mit 782.000 Fahrzeugverkäufen im Jahr 2003 (darunter 597.000 Pkw ) und ihrer Fertigung von Bussen, Lastwagen, Motorräder und Traktoren der potenteste Fahrzeugkonzern.

Ziel SAICS ist, bis 2020 unter die großen sechs Autokonzerne der Welt aufzurücken und dann ebenso wie diese um die vier Millionen Wagen pro Jahr herstellen zu können. SAIC wollte sich Ende Oktober den viertgrößten koreanischen Autohersteller und Geländefahrzeug-Spezialisten Ssangyong Motor krallen und für 500 Millionen Dollar 48,9 Prozent der Anteile übernehmen. SAIC will für seine Expansion nach Angaben der Volkszeitung in Zukunft an der Börse zwei Milliarden Dollar aufnehmen.

Alte Regel bringt Vorteil

Chinas Konzerne, die auch den Vertrieb kontrollieren, nutzen vor allem eine Regelung des alten Staatsplanungslandes aus: Sie sind in den Joint Ventures Mehrheitsgesellschafter. Sie dürfen beliebig viele Partner haben, während Auslandsfirmen nur bis zu zwei Joint Ventures eingehen können.

Auf den Fersen von SAIC folgen in China die ersten Automobilwerke Changchun (FAW), die mit dem zweiten Werk von Volkswagen, aber auch mit Mazda und Toyota in Joint Ventures verbunden sind. Danach kommen die Kantoner Automobilwerke mit Toyota und Honda. Wuhans Dongfang-Werke gehen mit Peugeot, Citroën, Nissan, Honda und Kia zusammen und verhandeln mit Renault. Die Pekinger Autowerke sind mit Hyundai (Grundsteinlegung ist Dezember) auch mit DaimlerChrysler verbunden. So sind mehr als 90 Prozent aller produzierten Pkws Fahrzeuge ausländischer Marken. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2004)

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    Noch wird in China Europas Autotradition bestaunt - im Bild: Oldtimershow iin Guiyang. Doch die chinesische Autoindustrie will bald eigene Produkte im Westen verkaufen.

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