"Beharrende Kräfte" als Schulreformblockierer

10. Dezember 2004, 13:07
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Gehrer: Schlechte Pisa-Ergebnisse auf mangelnden Leistungswillen und hohen Anteil ausländischer Kinder zurückzuführen - Kritik an SPÖ

Wien - "Beharrende Kräfte" allerorten sind nach Ansicht von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) daran schuld, dass die anstehenden Schulreformen meist vom Ankündigungsstatus nicht in die Realisierungsphase kommen. Nicht zuletzt, weil sich die SPÖ der notwendigen Zweidrittelmehrheit im Nationalrat verweigere, meinte Gehrer am Sonntag in der "Pressestunde". Aber die Ministerin ist ohnehin "sehr dafür", dieses hohe Quorum in Zukunft auf schulische Grundlagenfragen einzuschränken.

Die Pisa-Schülerstudie, die in einer Woche offiziell präsentiert wird, will Gehrer "sehr ernst nehmen". Das erwartete mittelmäßige Abschneiden der österreichischen Schüler führt sie darauf zurück, dass Leistung heute generell nicht so im Vordergrund stehe. Auch die rund zehn Prozent ausländischer Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen wirkten sich in den Ergebnissen aus.

Dieses Erklärungsmuster vertritt auch FP-Bildungssprecherin Mares Rossmann. Sie will vor allem bei der Früherziehung der Kinder, insbesondere mit nicht deutscher Muttersprache, ansetzen. Vizekanzler Hubert Gorbach (FP) will in diesem Zusammenhang den Integrationsvertrag (verpflichtende Deutschkurse für Ausländer) "dringend evaluieren".

Von der Gesamtschule als "Allheilmittel" ist Gehrer nach wie vor keineswegs überzeugt, "Einheitsschule ist in multikulturellen Gesellschaften keine Lösung". Die Pragmatisierung von Lehrern hält sie für ein "Auslaufmodell" und Kürzungen im Schuldbudget seien nur Inhalt von "Schauergeschichten".

Zur Universitätspolitik befragt, verteidigte Gehrer die geplante Abschaffung der Direktwahl der Bundes-ÖH. "Geben wir diesem Modell einmal eine Chance." Die Entsendung von Delegierten sei genauso eine demokratische Wahlform, die auch in der Arbeiter-und Wirtschaftskammer, sowie der Gewerkschaft und im Bundesrat, angewandt werde.

SP-Bildungssprecher Erwin Niederwieser sah bei Gehrer "viel Unsicherheit" und "keine klare Linie" in schulpolitischen Fragen. "Prinzip Hoffnung" sei zu wenig, um dem erwarteten "dramatischen" Rückfall bei der Pisa-Studie etwas entgegenzusetzen.

"Unfähigkeit zur Selbstkritik" beobachtete Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz. Gehrer sei nicht gewillt, ihre Fehler in der Vergangenheit zu analysieren. (nim/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. November 2004)

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    Gehrer: Die rund zehn Prozent ausländischer Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen wirken sich in den Ergebnissen der Pisa-Studie aus.

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