Kommentar: Waldsterben? Gibt's nicht

25. Februar 2005, 10:28
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Es ist ein Vierteljahrhundert her, da sind die ersten Bilder über flächenweises Absterben von Bäumen aufgetaucht ...

Es ist ein Vierteljahrhundert her, da sind die ersten Bilder über flächenweises Absterben von Bäumen aufgetaucht - durch massive Rauchgasschäden, den so genannten "sauren Regen", zerstörte Wälder in der damaligen CSSR. Man hat daraufhin auch im deutschen Sprachraum näher hingeschaut und festgestellt, dass auch im Waldviertel, im Wienerwald, in der Mur-Mürz-Furche, vor allem aber in der Abgasfahne deutscher Industriegebiete Bäume truppweise ihre Nadeln verloren haben, dass der Boden versauert ist, kurz: dass der Wald stirbt.

Der Begriff "Waldsterben" war geboren - der Stern rückte ihn auf die Titelseite, und Journalisten machten sich auf in die Wälder, um zu berichten, wie krank der Wald ist. Und was ihm alles zusetzt: Kalorische Großkraftwerke waren als Umweltverschmutzer erster Klasse identifiziert, dann die Einzelofenheizung, schließlich das Auto. Industrie, E-Wirtschaft und Politik haben damals mit dem Vorwurf der "Panikmache" gekontert - und fast sieht es aus, als wäre das berechtigt gewesen. Denn wenn man heute in die Wälder schaut, dann stellt man fest, dass sie nach wie vor grün sind und zumindest für den laienhaften Blick sehr lebendig.

Überzogener Alarmismus

Tatsächlich waren manche Aussagen der Forstleute von einem überzogenen Alarmismus: Da gab es einen rührigen Professor an der Universität für Bodenkultur, der 100 Prozent des österreichischen Waldes als "potenziell geschädigt" einstufte - was dann rein rechnerisch nicht mehr zu überbieten war. Aber es ist schließlich nicht so weit gekommen, denn die Alarmrufe sind gehört worden.

Innerhalb weniger Jahre sind die Emissionen von Schwefel-und Stickoxiden massiv gesenkt worden. Der Wald konnte - zumindest an vielen Standorten - aufatmen, als Schwefelfilter, Kfz-Katalysatoren und moderne Zapfsäulen eingeführt wurden. Waldsterben abgesagt, weiter zum nächsten Thema?

Nein, es lohnt doch, ein wenig genauer hinzusehen und den vor dem "sauren Regen" geretteten Wald als Gesamtsystem zu sehen. Bloß weil die Bäume eben nicht flächenweise absterben, ist der Wald nicht außer Gefahr. Er steht unter dem enormen Druck, dass seine Besitzer heute wesentlich schneller Renditen sehen wollen, als das früher der Fall war - wertvolle Bäume brauchen aber mehr als ein Menschenleben, um hiebreif zu werden. Und bis dahin brauchen sie Pflege; keine sehr intensive Pflege, aber eine ständige Bewirtschaftung durch aufmerksame Forstleute. Diesen Aufwand kann man sich aber immer schwerer leisten - also wird auf diese oder jene Pflegemaßnahme verzichtet, wird da und dort zu früh geschlägert und mit immer mehr Technik zur Holzernte ausgerückt.

Das geht eine Zeit lang gut - und der Wald ist geduldig; wie wir gesehen haben, stirbt er nicht so schnell. Aber Wild und Wind, Klimawandel und Ozon setzen ihm zu. Kommen ein paar trockene Jahre, steht das Waldsterben plötzlich wieder auf den Titelseiten. Und auf der politischen Agenda. (DER STANDARD; Printausgabe, 29.11.2004)

Von Conrad Seidl
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