Leben für Tibor Focos Rehabilitation

1. Dezember 2004, 09:26
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Nicht nur die Eltern, auch Foco Verteidiger Wegscheider fordert das Justizministerium auf, die Mordanklage fallen zu lassen

Nicht nur für die Eltern Christine und Theodor Foco ist der endlose Fall ihres Sohnes Tibor ein "Justizirrtum". Auch der Strafrechtsprofessor und Foco-Verteidiger Herbert Wegscheider fordert das Justizministerium auf, die Mordanklage fallen zu lassen.

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Es ist heute genau fünf Jahre her, dass es das letzte Lebenszeichen von Tibor Foco gab. Der flüchtige Exrennfahrer wandte sich damals in einem Schreiben an seinen Verteidiger Herbert Wegscheider. Unterzeichnet ist der Brief, der am 29. November 1999 in Eisenstadt aufgegeben worden war, mit "Ihr unschuldiger Tibor Foco".

1987 wurden Foco und ein vermeintlicher Komplize wegen Mordes an einer Prostituierten zu lebenslanger beziehungsweise 18 Jahren Haft verurteilt. Eine Kronzeugin, die die beiden schwer belastet hatte, widerrief später ihre Aussage. Zehn Jahre später wurden die Schuldsprüche aufgehoben, der angebliche Komplize freigesprochen (siehe nebenstehende Geschichte). Gegen Foco konnte der Prozess bis heute nicht wiedereröffnet werden. Seit seiner Flucht im April 1995 während eines Haftfreigangs an der Uni Linz fehlt von ihm jede Spur.

Geldstrafen für die Eltern

"Das Beste" was in den vergangenen Jahren passiert sei, "war ganz sicher die Flucht von unserem Sohn" sagen seine Eltern Christine (80) und Theodor Foco (88). Das Ehepaar war maßgeblich daran beteiligt. Dafür wurde es 1998 zu Geldstrafen verurteilt. Theodor Foco: "Die Verurteilung ist keine Schande, eine Schande wäre es, wenn ich meinem Sohn nicht geholfen hätte."

"Wir haben aufgehört zu leben, wir kämpfen jetzt für unseren Tibor", sagt er. Das Arbeitszimmer in der Linzer Wohnung der Focos ist bis zur Decke mit Aktenordnern gefüllt. "Was sie hier sehen, ist der gesamte Fall Foco - ich habe 15 Jahre lang täglich bis tief in die Nacht die Akten studiert", sagt Foco. Mit 80 Jahren begann er mit Inlineskaten und Windsurfen, um "fit für meinen unschuldigen Sohn zu bleiben".

"Unglaublicher Justizirrtum"

"Dieser Fall ist ein unglaublicher Justizirrtum, bis heute sind Beweisstücke, die meinen Tibi entlasten, verschwunden", erzählt die Mutter unter Tränen. "Das Blut am Körper des Opfers war Blutgruppe 0, das Opfer hatte A und mein Sohn Blutgruppe B. Bis heute hat das kein Gutachter näher untersucht."

Die Ungereimtheiten im ersten Prozess brachten auch den Strafrechtsprofessor an der Uni Linz, Herbert Wegscheider, dazu, 1989 die Verteidigung des damals inhaftierten Foco zu übernehmen. "Derzeit ruht mein Mandat, weil sich nichts tut", schildert der Jurist. Dass sich Foco stellt, daran glaubt er nicht. Es sei denn, das Justizministerium stelle den Fall ein. Dazu müsste es die Staatsanwaltschaft anweisen, die Mordanklage zurückzuziehen. "Eine Liste mit guten Argumenten, die dafür sprechen", hat Wegscheider übermittelt.

Sie wisse, dass es ihrem inzwischen 48-jährigem Sohn gut gehe, sagt Frau Foco - wenn auch nicht von ihm persönlich. Die Eltern wollen dies von der Astrologin Gerda Rogers erfahren haben, zu der sie einmal in der Woche gehen. (Markus Rohrhofer, Kerstin Scheller/DER STANDARD; Printausgabe, 29.11.2004)

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    Theodor (li.) und Christine Foco mit Anwalt Herbert Wegscheider 1999 auf dem Weg zur Berufungsverhandlung wegen Fluchthilfe. Das Ehepaar kämpft seit 17 Jahren um die Rehabilitation ihres Sohnes.

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    Von Tibor Foco fehlt seit seiner spektakulären Flicht im April 1995 jede Spur.

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