Zu viel verspieltes Vertrauen

8. Februar 2005, 16:14
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Höheres Vertrauen in Politiker führt zu höherem Wachstum und Wohlstand - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Durchgefallen: Ob Politiker oder Manager - in der jüngst erschienenen "globalen Vertrauensstudie" des World Economic Forum attestierten 63 Prozent der Bürger ihrer politischen Führung Unehrlichkeit und 49 Prozent Managern zu viel Macht. Die Unterschiede nach Ländern sind beträchtlich: Während Franzosen ihren Politikern und der Wirtschaftselite weitgehend trauen, hält Deutschland den Misstrauensrekord, der nur von Albanien und Costa Rica übertroffen wird: 76 Prozent der Bürger haben kein Vertrauen in die Politiker, 70 Prozent halten ihre Unternehmenslenker für unehrlich.

Ein gefährlicher Befund - denn die "Economies of Trust" sind empirisch nachgewiesen: Ein höheres Vertrauen, so konnten die Ökonomen Paul Zak und Stephen Knack nachweisen, führt zu höherem Wachstum und Wohlstand - und vice versa. Steigt das institutionelle Vertrauen um 15 Prozentpunkte, führt das zu einem Wachstumsanstieg von fast einem Prozentpunkt. Auch das BIP pro Kopf korreliert mit dem Vertrauen: am niedrigsten in Peru und Brasilien, am höchsten in Skandinavien. Nach Michael Porter ist das gelebte Vertrauen ein entscheidender Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit: es senkt die Kosten für jede Form von Kooperation, ermöglicht Innovation und aktive Veränderung. Vertrauen ist die Brücke, wo es keine Gewissheiten gibt.

Wir brauchen also nichts so sehr wie Vertrauen, inklusive Selbstvertrauen - und nichts scheint uns so schwer zu fallen wie (uns und anderen) zu vertrauen. Der Grund: immer seltener kann "persönliches" Vertrauen - aus Vertrautheit und erfüllten Erwartungen - aufgebaut werden. Und auch das "institutionelle" Vertrauen - aus gemeinsamen Regeln und Werten - wurde durch zahlreiche Skandale erschüttert. Wir müssen aber - wollen wir in einer global vernetzten Gesellschaft mit Unbekannten Geschäfte machen und Probleme lösen - aktiv in Vertrauen investieren:

1. Distanz abbauen: Es ist kein Zufall, dass sich die vertrauenswürdigsten Berufsgruppen wie die Feuerwehr - in Österreich mit 97 Prozent an erster Stelle -, Apotheker und Krankenschwestern dadurch auszeichnen, dass sie "nah" und hilfsbereit sind, die Taten "sprechen" lassen und die Erwartungen erfüllen. Nicht am grünen Tisch, sondern im grauen Alltag müssen Manager und Politiker Vertrauen vorleben. Dave Packard, Gründer von HP beschrieb in seinen Memoiren das "Management by walking around" als Ansatz um Distanz abzubauen.

Aber es gibt auch eine andere Form der Distanz, die es laut World Value Survey abzubauen gilt: die des Einkommens - denn je höher der Unterschied, desto geringer das Vertrauen.

2. Weniger Methoden - mehr Kommunikation: Spätestens seit der PISA-Diskussion wissen wir, dass Lernerfolg vom menschlichen (Vertrauens-)Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden abhängt, weil dadurch Neues aufgenommen und Altes losgelassen wird. Die positive persönliche Kommunikation ist dafür entscheidend.

So können auch globale Probleme nur durch ein "Vertrauensnetzwerk" gelöst werden, dass aus einem gemeinsamen Werteverständnis und viel Kommunikation geknüpft wird - eines der Ziele des alljährlichen Forums in Davos, das jedoch durch zu viel Medienrummel unterminiert wird.

3. Selbstvertrauen stärken: Schon Macchiavelli wusste: "Um eine Schlacht zu gewinnen ist es nötig, dem Heer Vertrauen zu sich selbst und auf den Feldherrn einzuflößen." Um anderen zu vertrauen, muss man sich selbst vertrauen. Immer neue bürokratische Regelungen entmündigt den Einzelnen, töten die Eigeninitiative und fördern den Kontrollfetischismus. Dieser schafft nur Scheinsicherheit und eliminiert die Handlungsspielräume, in denen Vertrauen entstehen und sich Verantwortung entwickeln kann.

Wir sollten uns an eine weise Einsicht von Nestroy halten: "Zu viel Vertrauen ist oft eine Dummheit. Zu viel Misstrauen immer ein Unglück."

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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