Ein übermütiger Sinnstifter

3. Dezember 2004, 12:30
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Der diesjährige Georg-Trakl-Preis geht an Ferdinand Schmatz - Laudatio von Daniela Strigl

Über das Werk des Preisträgers und die Unwägbarkeiten des sprachlichen Zufalls.

I. Wie bitte? Verständnisfragen

Ein Gedicht des Bandes das grosse babel,n behandelt die Schöpfung und beginnt so: "es ist nicht leicht,/das, was licht sein wird,/zu scheiden, von dem, was finster". Ja, denke ich mir, es ist nicht leicht. In diesen Gedichten erscheint einiges sehr dunkel, und Erhellung zeichnet sich nicht ab. Wenn ich ein Gedicht von Ferdinand Schmatz lese, dann ist mein erster Gedanke: Das verstehe ich nicht.

Wenn man etwas nicht versteht, dann liest man es wieder und wieder. Dabei gehören die zitierten Verse zur leichter verständlichen Sorte, erst auf den zweiten Blick gerät man ins Rutschen: Wie kann es denn "nicht leicht" sein, Hell und Dunkel zu unterscheiden? Im weiteren Verlauf der Strophe wird das erklärt, nein, nicht "erklärt", es wird gezeigt, mit den Mitteln der Dichtung. Mit den Mitteln der sekundären Sprache könnte man sagen: Schmatz führt vor, was Schöpfung heißt. Vor dem "Es werde Licht" steht das "Im Anfang war das Wort". Denn was ist "Licht"? Wie dazu sagen, vor dem Anfang? Die Unterscheidung zwischen Tag und Nacht ist verfrüht, weil "der morgen ohne abend nicht ist". Die Nachschöpfung der Welt durch den Dichter setzt die Auflösung des Bestehenden voraus, die Verwirrung der allzu fest geknüpften Bedeutungsfäden: Poesie dieser Art zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg: "ab bricht das, was mund,/ ohne jede kunde davor, öffnet bloß,/ nichts da ist, was zurück, an sich".

Und wir, wir sind auf den Sinn abgerichtet wie der Pawlow'sche Hund auf sein Stück Fleisch. Ertönt die Glocke des Gedichts, läuft uns das Wasser im Mund zusammen - und auch wenn uns wieder und wieder kein Sinn geboten wird, bleiben wir klassisch konditioniert. Der Klang ertönt, der Speichel fließt und eröffnet die erste Station des Verdauens. Auch wenn es kein Stück Sinn-Fleisch gibt, wir sind bereit, ja begierig, es uns einzuverleiben. Wir hören das Gesagte, wir lesen das Geschriebene, und wir wollen es verstehen. Schmatz kennt die menschliche Verständnissucht, und er verurteilt sie nicht im Namen der Heiligen Avantgarde, er hat, ja: Verständnis.

In seiner Lyrik tritt er nicht als Sinnzertrümmerer auf, sondern als eine Art übermütiger Sinnstifter, dem sich das Wort unter der Hand verwandelt. So erscheint in Schmatz' Gedichten die deutsche Sprache mitunter wie eine Fremdsprache. - Das ist doch Deutsch? Aber da schiebt sich etwas wie eine Membran der Undurchsichtigkeit zwischen die fremdelnde Sprache und den Leser, da wird der Wortsinn über Gebühr strapaziert. Es sind kleine, grammatikalische Kavaliersdelikte, Halb- und Viertelschritte, mit denen der Autor vor dem sinnverfolgenden Leser seine Haken schlägt.

"dichtung macht auch müde", behauptet der Dichter Reinhard Priessnitz in seinem Nachwort zu Schmatz' Gedichtband der (ge)dichte lauf (1981). Aber er meint damit nicht die darin enthaltene Dichtung, sondern gerade die geläufige, die zu dicht an der Sprache des Alltags bleibt: "die endlose vergurkung der silben zu verständnisträchtigem führt zur beeinträchtigung des verstehens." Das heißt: Die Vielfalt literarischer Erscheinungsformen wird allzu leicht auf einen einfältigen Sinn eingedampft. "aus, dem loch heraus, also endlich sprichts,/nicht unverständlich, spriessts:" Was aus dem Mundloch wächst, das "babel,n", Babbeln, Brabbeln, braucht keinen Beschnitt.

Ferdinand Schmatz schlägt dem Sinnsüchtigen ein Gentlemen's Agreement vor: "Nicht was ich gemeint habe, ist das, was Sie verstehen werden, sondern das, was Sie meinen zu verstehen, ist das, was ich gemeint haben könnte." Das ist nicht mehr und nicht weniger als die Beweislastumkehr im hermeneutischen Prozess! Der Sinn wird vom Rezipienten produziert, nicht entdeckt, der Autor gewährt Urlaub von der Schürfarbeit des Verstehens. Die Verwirrung, die babylonische, war eine Strafe Gottes für menschliche Hybris; die Schmatz'sche Sprachverwirrung macht aus der Not eine Tugend. Wir ahnen, dass etwas zu gewinnen ist, ein Hauch von Freiheit. Niemals aber letzte Gewissheit. "um offen, und das bar, zu sein,/ist auch verschlossenes von nöten", sagt Schmatz in seiner poetischen Antwort auf die Offenbarung des Johannes. "Bar", das heißt nackt, bloß, und das Bargeld der Poesie muss immer wieder ausgetauscht werden in neu klingende, unabgegriffene Münze.

II. Wort-Körper: Sinn und Sinnlichkeit

In ihrer Begründung für die Zuerkennung des Georg-Trakl-Preises an Ferdinand Schmatz hat die Jury gemeint, dessen Werk sei bei aller Strenge der Konstruktion "offen für die Unwägbarkeiten des sprachlichen Zufalls". Durch die Unwägbarkeiten sprachlicher Kommunikation wurde in den Pressemeldungen über den Preisträger aus den "Unwägbarkeiten" "Unwegbarkeiten". Das ist schön und könnte von Schmatz sein. "Der Zufall", heißt es im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch, "trifft den, in dessen Person er sich ereignet". In der Literatur ist es schwieriger, den Zufall zum Teil des Systems zu erklären. Aber wenn die Unwägbarkeiten des sprachlichen Zufalls sich ausgerechnet in den "Unwägbarkeiten des sprachlichen Zufalls" ereignen, dann könnte man schon an höhere Regie glauben.

Ein solch höherer Regisseur, Ferdinand Schmatz zum Beispiel, hätte keine Bedenken, in die Metaebene des Literaturbetriebs einzugreifen. Er würde Waage und Wege sich verneinend kreuzen lassen, er würde mit hörbaren und unhörbaren Sinnverschiebungen operieren - und im Hand-, im Wortumdrehen ist da ein neues Wort, das neue Wege eröffnet: die "Unwegbarkeiten des sprachlichen Zufalls" deuten auf unwegsames Gelände.

Die Reisegedichte des Ferdinand Schmatz verheißen weder Exotik noch eine auf die fremde Kulisse projizierte Innerlichkeit. tokyo, echo oder wir bauen den schacht zu babel, weiter - das neue Buch feiert die Fremdheit der Zunge, in Tokio, in St. Petersburg, in der Dichtung anderer, gebaut wird kein Turm, sondern ein Schacht, es geht an der Oberfläche in die Tiefe, die vielleicht zu loten, nicht aber auszuloten ist. Kein lyrisch leidendes Ich bietet Orientierung, kein Gedicht dient als Vehikel eines Inhalts. Wie der menschliche Körper nie nur Körper ist, so ist auch der Wort-Körper, der Gedicht-Körper nie nur Form, sondern Einheit. Im Gedicht à la Schmatz ereignet sich ein Changieren der Wörter und der Bilder, ein Schweben der Stoffe im Nichtstofflichen. Ferdinand Schmatz versteht und beherrscht die Dicht-Kunst als ein "hinhaltendes Zögern zwischen Klang und Sinn".

Für die Sinneswahrnehmung als die Wahrnehmung des Sinns durch die Sinne empfiehlt sich das doppeldeutige Organ schlechthin: die Zunge, Werkzeug des Schmeckens und des Sprechens. In dem Band speise gedichte (1992) hat Schmatz die Kompetenzüberschreitung vorbildlich durchexerziert, es geht um Speisen und um damit Assoziiertes. Im Postskriptum zum Gedicht "kren" heißt es: "zum weinen, dieser kren aus stil und zeit. er steigt mit dem schweiss zum kopf bis in die haare und dringt in die nase. die ganze brennende körperlandschaft - nichts als ein reizender nieser." Ein Nahrungsmittel wird hier nicht nur als Katalysator körperlicher Sensationen eingesetzt, sondern als Schreibauslöser: dank der alterssichtigen Verwechslung von "schreiben" und "reiben". Der Dichter, der da seinen Wort-Kren dazugibt, würzt scharf; ehe er über Genesis und Sintflut brabbelt, versteht er "schöpfung" ganz anders, küchentechnisch, poetologisch, mit einer Spitze gegen die Sinnhungrigen:
"aufgedrauft/abgequetscht//zugelöffelt/die wörter/ver satz -/und es floss//griffbequatscht/klatschbequellt//sinn/übers/kinn/ soss/dahin"

III. Das infantile System

Infans: ein Wesen, das nicht sprechen kann, sondern nur babbelt (schwed. Babbla, nhd. Babbeln, engl. Baby, allgemein baba, Urwurzel bha- sprechen) und bampft und pampft=essen (dieselbe Wurzel bha-)". Der Arzt und Psychoanalytiker Georg Groddeck hat diese Überlegungen zum Kindlichen in seinem Buch Der Mensch als Symbol (1933) angestellt. Das Kind, das nicht sprechen kann, besitzt nach Groddeck eine Eigenschaft, deren Bezeichnung von "sprechen" (eiro) herkommt: "eironeia=Ironie. Das Infans ist ein Schalk (eiron)."

Ich weiß schon, dass Ferdinand Schmatz kein Stammler ist, dass er seine Texte vielmehr mit einem immensen Aufwand an Kalkulation und Wissen herstellt: Ein Poet und Doktor dazu, also ein Poeta doctus! Einer, der sein Schreibwerk so gründlich erklären kann, dass einem Hören und Sehen vergehen. Aber ich behaupte, dass das Aufregende an Schmatz' Lyrik, der "Kren" - dass das mit jenem Infantilen zu tun hat, mit dem Schalk als Stachel in den Weichteilen der Macht, mit einer Erotik jenseits von Gut und Böse, einer Erotik des Schöpferischen.

"Poiesis", darauf weist Schmatz selbst hin, heißt nicht nur Machen, sondern auch Hervorbringen: work in progress. Und das plappernde Kind ist nach Georg Groddeck "in Wahrheit Weltenschöpfer. Licht und Schall, Baum und Berg, Mann und Maus, alles ist sein Werk." Das kleine Kind ist irrational, amoralisch und unpersönlich: Es sagt noch nicht Ich, es befindet sich im reinen Leben. Und wie viel von diesem ewigen Infantilen der Erwachsene in "sein späteres, langsam verdummendes Leben gerettet hat" (Groddeck), davon hängt seine Bedeutung ab - erst recht, wenn er ein Dichter ist. Dann kann es nicht schaden, wenn er, der Wortmächtige, einen Draht hat zum Wesentlichen des Menschen, das sich im Unsagbaren, im Undenkbaren abspielt, ganz ohne Metaphysik, vielleicht erschließbar durch einen Schacht zu Babel.

"- ach die Sprachkritik, Zweifel an der Sprache, das kann ich schon nicht mehr hören", lässt der Ironiker Schmatz in Portierisch, seinem einzigen Roman, der kein Roman sein will und auch nicht ist und nur so heißt, eine "Dichterin in Schwarz" sagen. Und so macht er es sich nicht bequem im Reservat des Experimentellen, sondern zeigt, dass aus Disziplin und Fantasie auch etwas wie Lust entstehen kann, zum Beispiel, in tokyo, echo, so: "- das donnert in der stille auf,/und steht dann drauf, verbrieft,/dass, nimmer eingebrannt, das glück/nie stück wird, sondern lauf// (der zeichen kreis fliegt taubend auf)." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.11.2004)

Gekürzte Fassung, die vollständige Laudatio erscheint in der Literatur­zeitschrift "SALZ", H. 118.
leselampe-salz.at
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