Scheitern an der Verbesserung der Welt

3. Dezember 2004, 12:30
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Antonia S. Byatts irritierender Roman über Sprache, Skandale und persönliche Freiheit

Antonia Byatt versucht in ihrem neuen Roman ein Porträt der frühen 70er-Jahre in England zu zeichnen. Sie bedient sich dabei mehrerer parallel laufender Handlungsstränge, von denen der erste das private Schicksal einer jungen Frau beleuchtet. Frederica, ehrgeizig und intelligent, eine der wenigen Studentinnen in Cambridge, trifft eine verhängnisvolle Entscheidung. Sie heiratet den falschen Mann. Nun sitzt sie mit ihrem Sohn in einem schönen, englischen Landhaus fest. Sie sehnt sich nach geistiger Betätigung, nach Sinn stiftender Arbeit, allein - ihr Mann findet, dass sie als Mutter vollkommen ausgelastet zu sein hat. Er bedroht seine Frau und verletzt sie ernsthaft. Frederica flüchtet mit ihrem Kind nach London und versucht auf eigenen Füßen zu stehen.

Die zweite Geschichte wird von einem mieselsüchtigen, unliebenswürdigen Außenseiter geschrieben: Es ist der skandalträchtige Roman "Babbletower". Eine Gruppe von Flüchtlingen rettet sich in ein unzugängliches Gebirge, um dort die ideale Gemeinschaft- ohne Hierarchien und Zwänge - zu gründen. Natürlich geht diese Utopie ganz grässlich schief und endet in sexuellen Exzessen und Mord. Der Roman soll wegen "pornografischen" Inhalts der Zensur zum Opfer fallen. Frederica, die das Manuskript zur Veröffentlichung empfohlen hatte, wird in diese Auseinandersetzung hineingezogen.

Diese "Babbletower"-Einschübe haben einen ganz anderen Stil als die Geschichte Fredericas. Sie arbeiten mit schwülstigen Bildern aus der Schwarzen Romantik, ergehen sich in Symbolen, farbenprächtigen Ausstattungen und langen Aufzählungen ästhetisch raffinierter Dinge, wie man sie von Huysmans oder Wilde kennt. Sie verweisen auf den Marquis de Sade, auf die herausragenden Gestalten der französischen Décadence, auf Sozialutopisten wie Fourier und die ganze lange Ahnenreihe von Philosophen, die als Gefahr für die herrschende Gesellschaft angesehen wurde.

Der Prozess gegen den Autor gerät zum Lehrstück über öffentliche und private "Moral". Byatt verhandelt auch hier wieder die Bedeutung der Sprache und zieht Parallelen zum Zensurprozess gegen D. H. Lawrences Lady Chatterley. Was bewirkt der Text von "Babbletower", was lesen Menschen aus ihm heraus? Ist "Babbletower" ein böser, zynischer Kommentar zur nicht eintretenden Verbesserung der Welt und insofern ein höchst moralisches Buch, oder bringt es den rechtgläubigen Leser auf perverse Abwege?

Der Turm zu Babel ist hochkomplex, weil darin die geistigen, künstlerischen und emotionellen Grundlagen verhandelt werden, die für den Aufbruch in unser Jahrtausend prägend waren. Kommunikationstheorien, die Emanzipation, die Fragen einer grundlegend neuen Erziehung, die sexuelle Revolution, erste Umweltschutzbewegungen - Byatt hat sich hier etwas zu viel vorgenommen. Das, was nicht in den Erzählfluss der parallelen Handlungsfäden passt, kommt als eine Art Einschub daher, verbindet sich nicht immer harmonisch mit dem Roman und erzeugt eine irritierende Heterogenität.

Ist Der Turm zu Babel, abgesehen von seinen immer relevanten, grundsätzlichen philosophischen Betrachtungen, ein historischer Roman, eine Art Rückblick auf Zeiten, die glücklicherweise vorbei sind? Nun, Prozesse gegen obszöne Kunstwerke gibt es immer noch. Die Qualifikation einer Mutter wie Frederica infrage zu stellen, weil sie "zu viel liest", sprich, sich auch für andere Dinge interessiert als Kind und Küche, könnte ja auch bald wieder in Mode kommen. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.11.2004)

Von
Ingeborg Sperl

  • Antonia S. Byatt:Der Turm zu BabelAus dem Englischen von Brigitte Heinrichs Melanie Walz.
€ 27,60/816 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2004
    foto: insel

    Antonia S. Byatt:
    Der Turm zu Babel
    Aus dem Englischen von Brigitte Heinrichs Melanie Walz.
    € 27,60/816 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2004

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