Den Finger auf die Wunde legen

3. Dezember 2004, 12:30
posten

Anna Kims Erzählung über einen unmöglichen Abschied

Anna Kim hat in ihrem Erstling ein großes Thema gewählt, die Darstellung einer monomanischen Vaterbeziehung, und sie beginnt ihr Kammerstück mit der selbstbewussten Beschwörung der Wunderwelt einer Kindheit. Das haben viele gemacht, aber diese Autorin besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit: den Finger auch dann auf der Wunde behalten, wenn es schmerzt.

Suchen-Finden-Verlieren, die drei Abschnitte von Die Bilderspur, markieren den Ablauf einer Bewusstmachung, These-Traum-Synthese. Anna Kim, eine scharfe Beobachterin mit Sinn für Rhythmus, hat ein fulminantes Sprachgebilde zustande gebracht, das mit seinen schwer auflösbaren Chiffren Aufmerksamkeit einfordert. Ein kleiner Abschied vom Vater, am Flughafen, wird mit einem Netz von Mikrobeobachtungen eingefangen, "man sieht sich, es ist nicht lange, (. . .) die Lider gesenkt schützen vor forschenden Blicken, Buchstaben in die Länge gedehnt, selbst das Drücken der Hand gewissenhaft ausgeführt." Und später der große Abschied, die Unfähigkeit zum Gespräch mit dem sterbenden Vater: "Öffnet er kurz seine Augen, erkenne ich ihn nicht. Eine eigenartige Stille umgibt ihn, zwingt mich, seine Stille mit meiner zu übertreffen."

Im zweiten Teil wird der unvollzogene, nie vollziehbare Abschied in einer stark übersteuerten Wiedersehensszene mehrmals durchgespielt, als Übung, die letztlich nicht gelingen wird, und gipfelt in der Erkenntnis des Vaters, des Regisseurs der Szene, "das Üben habe nicht geholfen, Abschied sei keine Handlung, sei ein Gefühl". Folgerichtig kommt er zum Schluss, die Tochter sei gar nicht seine Tochter. Hier beeindruckt die Passivität, die nichts Sentimentales oder Wehleidiges an sich hat.

Im dritten Teil findet sich Keyser ein, vielleicht Hoffnungsfigur und potenzieller Retter, aber Vorsicht, er ist einer jener Männer mit Fernglas, deren Sternenwissen Eindruck schindet. Sein Antrieb besteht darin, die "Nacht" zu "erklären", die er nicht als physikalisches, sondern als mythologisches Gewurl sieht. Deutlicher als zuvor herrscht keine stringente Interaktion zwischen den Handelnden. Die Protagonistin ist von ihrem Abschied durchdrungen, und so wundert es nicht, dass die Krankenhausästhetik, stets Hintergrundmusik bei Anna Kim, überhand nimmt. Im letzten Abschnitt geht die Nichtidentifikation so weit, dass die Grenze zwischen erster und dritter Person verschwimmt, Keyser ist quasi der Gelackmeierte, "buchstabiert ihr Gesicht, glaubt, geblendet durch das Frühlingslicht, mich zu erkennen (. . .)." Anna Kim nähert sich mit einer angemessen hohen Portion an Skepsis der Sprache und der Realität, und sie macht sich beides zu Eigen. Wer sich weit einlassen möchte auf ein virtuoses Abenteuer am Rand sprachlicher und psychischer Abgründe, der liegt bei ihr richtig. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.11.2004)

Von
Martin Amanshauser

Anna Kim:
Die Bilderspur
€ 15,50/88 Seiten. Droschl, Graz 2004. Roman, Deuticke Verlag 2004
Share if you care.