Bruce Chatwin: "Traumpfade"

26. November 2004, 20:00
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"The Songlines" heißt die englische Originalausgabe dieses autobiografischen Romans mit dem der Autor 1987 Weltruhm erlangte

Im Anfang war nicht das Wort, sondern waren die Lieder: The Songlines heißt die englische Originalausgabe dieses autobiografischen Romans, mit dem der fahrende Sänger Bruce Chatwin im Jahr 1987 literarischen Weltruhm erlangte.

Songlines - das sind die Wege, die die Lieder durch ein weites Land nehmen, auf unsichtbaren Pfaden, die nur die Ureinwohner kennen, weil sie zu hören verstehen, was die Vorfahren ihnen einst vorgesungen hatten.

Hier heißt das Land Australien, und Chatwin ist sein Prophet. Es könnte aber auch - zumal der zweite Protagonist den schillernden Namen Arkady trägt - Arkadien heißen oder Nomadenland. Gesichert freilich ist, dass Chatwin, der studierte Archäologe und vormalige Kunstexperte des Londoner Auktionshauses Sotheby's, am 19. Dezember 1982 auf dem Flughafen von Sydney landete, dort seinen maßgeschneiderten Rucksack umschnallte und ins Landesinnere aufbrach. Mit dem Ziel, zu "verstehen, wie eine Songline funktioniert", machte sich der britische Schriftsteller-Nomade, der zuvor schon Asien, Afrika und Lateinamerika bereist hatte, mit leichtem Gepäck auf den Weg.

Doch neben einem Berg beschriebener Karteikärtchen führte er mit Aufzeichnungen früherer Reisen bereits gefüllte kleine schwarze Notizbücher mit sich: In der australischen Wüste plante Chatwin alias sein Erzähler, dieses Material zu sichten und es zu einer großen theoretischen, archäologisch und ethnografisch fundierten Abhandlung über die unter dem Druck der sesshaften Zivilisationen verdrängte nomadenhafte Natur des Menschen auszuarbeiten.

Doch dazu hätte Chatwin für einen gewissen Zeitraum wohl selber sesshaft werden müssen. Anstelle einer spröden wissenschaftlichen Abhandlung entstand dieser traumwandlerische Roman in Form eines vielstimmig tönenden Wegenetzes.

Er handelt von einer schrägen Truppe versprengter Europäer, abtrünniger Missionare und Spinoza lesender Nachfahren der Aborigines, die sich zusammentun, um die Songlines vor ihrer gewaltsamen Zerstückelung durch den Bau neuer Eisenbahnlinien zu verteidigen: ein Roman als Wunderkammer, geboren aus dem Handel mit Liedern, erbaut aus Fragmenten, skizzenhaften Schilderungen und Miniaturen, Reportagen, Gesprächen und einem Kompendium von Zitaten zu den Grundfragen menschlicher Ruhelosigkeit.

Am besten ist es wie ein Brevier im Gehen zu lesen oder unterwegs, solange man noch nicht so recht weiß, es so genau vielleicht auch nicht wissen will, wohin die Reise geht. (DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.11.2004)

Von
Volker Breidecker
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche bibliothek
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