Mit Wohlstandsflüchen in den sozialistischen Orkus

2. Dezember 2004, 22:28
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G. Ernst als Dramatiker: Volkstheater-gewürdigt

Wien - Die Kritik gesteht den Dramen des Wiener Autors und kolik-Herausgebers Gustav Ernst (60) zumeist den "Holzhammer" als Alleinverfertigungsmittel zu. Als wäre Ernst, der seine Figuren in der Tat ausgiebig "ficken" sagen lässt - wobei sie dann meist nie zum tateinheitlichen "Ficken" kommen, weil sie sich sehr viel mehr oberhalb ihrer Gürtellinien um ihre ideologisch geschundenen Köpfe und Herzen kümmern müssen - ein tobsüchtiger Zotenreißer. Der den verwirrend verschiedenartigen Ausprägungen des Kapitalismus den Hosenlatz der Verstellung vom fratzenhaften Gemächt einer mythologisch behaupteten Omnipotenz herunterreißt.

Das ist nichts als holder Unsinn: Gerade der "frühe" Ernst hat mit Stücken wie Ein irrer Hass (1979) oder Mallorca (1986), die jetzt allesamt in einem telefonbuchdicken, bei Sonderzahl in Wien verlegten Ziegel von Buch nachzulesen sind, seinen Horváth gelesen.

Seine Figuren, deren schiere Körperlichkeit immer kurz vor dem Explodieren stand, produzierten Überschüsse, die man wahlweise als Widerstandspotenziale verstehen durfte: "Wo soll ich denn hin mit mir?", fragen solche Zuchthäusler, die dann später mehr und mehr den sozialdemokratischen Funktionären weichen. Sie alle sind natürlich zum Untergang verdammt, und sie fahren mit rührenden Flüchen - und Ausflüchten - in die edelproletarische österreichische Wohlstandshölle.
Gerade der "frühe" Ernst gehörte aufgeführt: zur Besinnung für startklare Funktionäre, die das Wort "Ausbeutung" als "Leistungsgesellschaft" buchstabieren. Das Wiener Volkstheater macht am Sonntag (28.11.), immerhin einen halbszenischen Anfang: um elf Uhr in der "spielbar". (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.11.2004)

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