Die Schwierigkeit des Trinkgeldgebens

6. Dezember 2004, 12:10
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Zwischen Tourismusgewerkschaft und Finanzministerium tobt ein Streit um das Trinkgeld. In der Praxis hat sich die Extrazahlung seit der Euroeinführung höchst unterschiedlich entwickelt

Wien – Aufrunden kann teuer werden. Vor allem beim Trinkgeld, um das sich nun eine Steuerdebatte dreht. Denn die Umstellung auf den Euro ist gerade in diesem Bereich noch nicht wirklich in den Köpfen drinnen – die nächste Fünfer- oder Zehnerstelle hält oft noch immer als Grenze für die Rundung her.

Unverhoffter Geldsegen

So freut sich das Bedienungspersonal speziell bei kleineren Beträgen über unverhofften Geldsegen. Wer bei einer Rechnung von 2,10 Euro auf 50 Cent aufrundet, gibt nämlich plötzlich gleich 19 Prozent Trinkgeld. Ein Vorgang, der aber durchaus Alltag ist, wenn man sich im Bekanntenkreis umhört. "Zwanzig Cent Trinkgeld hört sich so wenig an, da gebe ich dann automatisch mehr", wird da geschildert. Oder: "Mehr als früher rechne ich mir zehn Prozent des Betrages aus und versuche in einem zweiten Schritt abzuschätzen, ob das Ergebnis in einer vertretbaren Höhe liegt. Was drittens fast immer dazu führt, dass mich meine Ehefrau dann dahingehend belehrt, dass ich gerade einen unverschämt hohen Geldbetrag draufgelegt habe."

Im Gastgewerbe wird die Entwicklung der Trinkgeldeinnahmen dagegen gemischt beurteilt. "Es stimmt, gerade bei kleinen Summen gibt es sogar mehr als früher. Besonders in der Szenegastronomie hat sich die Praxis seit der Euroeinführung gut bis sehr gut entwickelt", meint Rudolf Kaske, Vorsitzender der Tourismusgewerkschaft.

"In der Hotellerie und der gehobenen Gastronomie ist es dagegen weniger geworden. Bei einer Rechnung von 200 Euro gibt fast niemand zwanzig Euro Trinkgeld." Besonders gebeutelt sei übrigens das Personal am Flughafen: "Früher haben die Touristen dort ihre letzten Schillinge ausgegeben und dabei das Retourgeld gleich im Lokal gelassen. Seit der Euro da ist, wird alles mit ins Heimatland genommen."

"Ungleichbehandlung"

Nicht immer wird das Service aber bar belohnt, sondern der Extrabetrag auf der Kreditkartenrechnung addiert. Und für diese ist Steuer fällig, was Kaske, wie berichtet, empört. Er sieht vor allem eine Ungleichbehandlung im Vergleich zu anderen Branchen. "Beim Friseur wird auch Trinkgeld gegeben, aber fast nie mit Karte gezahlt", meint er.

Was wiederum im Finanzministerium auf völliges Unverständnis stößt. "Trinkgelder waren schon immer steuerpflichtig. Und jeder Österreicher hat seiner Steuerpflicht nachzukommen, sonst würde ja der Gleichheitsgrundsatz verletzt", erläutert Thomas Schmid, Pressesprecher des Finanzressorts. Dabei spiele es keine Rolle, ob das Geld bar oder via Kreditkarte komme: "Ein Pauschalbetrag von 730 Euro jährlich ist ohnehin steuerfrei. Unsere Prüfer wissen aber ungefähr, wie viel Trinkgeld gemacht wird, daher kann man das überprüfen."

In Deutschland steuerfrei

Um wie viel Geld es dabei allerdings geht, kann Schmid nicht beziffern. Auch beim deutschen Finanzministerium hat man keine Zahlen parat. Im Nachbarland ist Trinkgeld seit fast drei Jahren steuerfrei. "Über den Einnahmenverlust können wir aber nichts sagen, da das auch früher Teil der Einkommensteuer war und nicht extra ausgewiesen wurde", erklärt ein Sprecher in Berlin. In Österreich stehe eine Freistellung für Trinkgeld derzeit nicht auf der Agenda, betont sein österreichisches Pendant. Anfang Dezember wollen sich die Sozialpartnern aber mit dem Finanzminister treffen, um die Trinkgeldthematik zu diskutieren. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.11.2004)

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