Marktöffnung brachte höheres Wachstum

3. Dezember 2004, 15:34
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Wifo: Positive Effekte auf Beschäftigung und Reallöhne - Industrie wurde wettbewerbsfähiger - Steuern, Zuschläge durch billigere Energie mehr als kompensiert

Wien - Die volle Öffnung des Strommarkts hat Österreich laut Wifo mehr gebracht als erwartet, nämlich neben billigerem Strom für Industrie und Haushalte auch ein zusätzliches Wirtschaftswachstum, etwas mehr Beschäftigung und einen geringen Anstieg der Reallöhne.

Die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie wurde durch eine Reduzierung der Lohnstückkosten auf Grund der Liberalisierung verbessert. Und die Strom-Nettopreise verbilligten sich stärker als die Energiesteuern und -zuschläge ausmachen, geht aus einer neuen Studie des Wifo-Energieexperten Kurt Kratena hervor.

Die Liberalisierungseffekte zwischen 1999 und 2003 kompensierten laut Kratena nicht nur die preiserhöhenden Auswirkungen der Regulierungen, etwa die Einführung von Zuschlägen zum Strompreis zur Förderung von Kleinwasserkraft, Ökostrom und Kraft-Wärme-Kopplung sowie die Anhebung der Energiesteuer auf Strom und Gas, sondern auch all jene Preiserhöhungen, die bereits vor 1999 aus Zuschlägen und Steuern resultierten.

BIP insgesamt um 0,3 Prozent gesteigert

Insgesamt wurde das heimische BIP durch die Liberalisierung zwischen 1999 und 2003 um 0,3 Prozent gesteigert. Die Wirkungen auf die Beschäftigung waren mit +0,2 Prozent wesentlich schwächer, da der Anstieg der Produktivität im Energiesektor die Nachfrage nach Arbeitskräften gedämpft hat, so die Kratena-Studie, die im November-Monatsbericht des Wirtschaftsforschungsinstituts erscheint.

Die Arbeitsproduktivität - gemessen am gesamtwirtschaftlichen Produktionswert - erhöhte sich durch die Liberalisierung ebenfalls leicht um 0,3 Prozent. Zusammen mit der Dämpfung der Lohndynamik resultierte daraus ein entlastender Effekt auf die Arbeitskosten: Die rund 2,5-prozentige Dämpfung der Lohnstückkosten erhöhte die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrie zusätzlich.

Die Marktöffnung löste von 1999 bis 2002 auch starke Preiseffekte aus: Die Produzentenpreise waren liberalisierungsbedingt 2002 um 2,5 Prozent niedriger als in einem Szenario ohne Liberalisierung, die Verbraucherpreise lagen vergleichsweise um 1,9 Prozent tiefer, hat Kratena errechnet. Die durch den Produzentenpreis-Rückgang bewirkte bessere Wettbewerbsfähigkeit der Industrie schlug sich in einem Anstieg der Exporte um 1,3 Prozent nieder.

Der Bruttolohn pro Kopf verringerte sich durch die Liberalisierung nach Berechnungen des Wifo-Experten um 2,2 Prozent. Dies bedeutet seinen Angaben zufolge im Zusammenhang mit dem dämpfenden Effekt auf den Konsumentenpreis einen Anstieg des Reallohnes um 0,3 Prozent im Vergleich mit einer Entwicklung, wie es sie ohne Liberalisierung gegeben hätte.

Industrie sparte kräftig

Beträchtliche Einsparungen beim Strompreis brachte die Marktöffnung vor allem der Industrie: Der Netto-Elektrizitätspreis lag im Jahr 2002 gegenüber 1999 liberalisierungsbedingt um mehr als 50 Prozent niedriger als in einem Szenario ohne Liberalisierung.

Für die Haushalte waren die Nettopreiseffekte zwar weniger groß, überstiegen aber schon im zweiten Jahr (2000) ebenfalls den gesamten Zuschlag einschließlich Steuer. Kratena in der 67-seitigen Studie: "Der Liberalisierungseffekt kompensierte somit auch im Haushaltsbereich nicht nur den Anstieg der Steuer im Jahr 2000 und die Einführung der Zuschläge, sondern das gesamte Niveau von Zuschlägen und Steuern."

Beim Gaspreis sind die Effekte auf den Nettopreis - vorläufig - nur im Jahr 2002 messbar und entsprechend geringer als für den Strompreis. Die vollen Effekte der Gasmarktliberalisierung werden erst in den nächsten Jahren eintreten, nimmt der Wifo-Experte an, nämlich dann, wenn die deutschen Netztarife geregelt sind, genügend freie Übertragungskapazitäten für Dritte vorhanden sind und die mit 1. Juni 2004 beschlossenen Netztarifsenkungen (im Durchschnitt um rund 6 Prozent p. a.) wirksam werden.

Der Gasmarkt gilt in Österreich seit 1. Oktober 2002 als vollständig geöffnet. Beim Strom können die Endkunden bereits seit 1. Oktober 2001 ihren Lieferanten frei wählen. (APA)

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