"Medienrealität, der zuweilen die Realität abhanden kommmt"

30. November 2004, 17:34
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Ein derStandard.at-Gastkommentar von Filmkritiker Gunnar Landsgesell über die Arbeit von "Palestinian Media Watch"

Erziehen Palästinensische Autonomiebehörde und Medien Kinder zu Selbstmordattentätern? Oder ist die Wirklichkeit komplizierter?

So, wie es die Gruppe Palestinian Media Watch darstellt (Siehe: derStandard.at-Interview mit Palestinian Media Watch-Direktor Itamar Marcus: "Kinder werden umfassend zu Hass erzogen"), scheint es jedenfalls ganz so, als wäre die Realität in den Bilderzeichen der Realität verloren gegangen. Ein Versuch zur Problematisierung einer medialen Beweisführung in einem Konflikt, in dem Kommunikation zumeist der Logik des Beweisführens folgt.

Niemals hat die Arbeit eines Dokumentarfilmers mehr Beachtung gefunden als jene von Michael Moore. In seinem Sog ziehen andere wie Morgan Spurlock (Super Size Me) oder Nick Broomfield nach und verwischen erfolgreich die Genregrenzen zwischen Realität und Fiktion. Der Spielfilm hatte sich längst realer Kontexte bedient, von Propagandafilmen aus den Weltkriegen bis zu den einflußreichen Bio-Pics eines Oliver Stone.

Unscharfe Lehre

Der Dokumentarfilm aber, gewissermaßen als die "reine", weil "abbildende" Lehre angesehen, ist unscharf geworden. Das Problem mag man medienwissenschaftlich in jener Auflösung der Wahrnehmungsebenen sehen, die der französische Philosoph Jean Baudrillard als Simulacrum bezeichnet hat. Wir erleben eine Substituierung des Realen durch die Zeichen des Realen. Anders ausgedrückt: Mediatisierung tilgt jeden Hinweis auf Referenz, somit auf Wahrheit.

Der sogenannte Nahostkonflikt ist zweifellos der medial am heftigsten erschlossene und reproduzierte Konflikt der Welt. Sich aus diesem Überangebot an Realität einfachen Wahrheiten zu widersetzen und Reflexionslinien einzuziehen wäre ein Gebot, das sich allein durch die Dynamik des ideologisch aufgeladenen Konflikts scheinbar kaum noch umsetzen lässt. Die mediale Darstellung des Konfliktes als simulierte Realität trägt im speziellen besonders schwer. Wie können – aus einer nicht unmittelbaren Erfahrung - Schlüsse gezogen, Urteile formuliert werden?

Warum nicht gleich zur Sache kommen?

Bereits die Frage dieser im Kontext vielleicht als umständlich empfundenen Einleitung aber führt just zum Problem. Warum nicht gleich zur Sache kommen? Zur Beweisführung, zum Wahrheitsantritt, zur hoffnungslos ideologisierten Diskussion? Die Gruppe "Palestinian Media Watch" jedenfalls macht sich ohne Umschweife die ausgeführte Problematik zu eigen und tritt mit einer Videocollage von Ausschnitten aus dem palästinensischen Fernsehen, aus Videos und Printmedien den Beweis an, dass die palästinensische Jugend durch die Autonomiebehörde umfassend zum "Märtyrertod", also zum Selbstmordanschlag erzogen wird.

Nun könnte man, analog zur Behauptung des Medienforschers Itamar Marcus, die Intifada sei nicht aus Hass auf Israel, sondern um den Hass auf Israel propagieren zu können, gestartet worden, die ebenso polemische Frage stellen, wie es sich mit der Videocollage der PMW verhält. Wo findet hier die Kopie ihre Realität? Allerdings wird man damit nicht weit kommen.

"Realität"

In Gesprächen des Autors mit dem Intifada-Führer Marwan Barghouti wie mit Familien, die sich als Hamas-Anhänger bezeichnen schien es jeweils einen offiziellen Teil des Gespräches zu geben, also einen rhetorischen dem Medienspektakel geschuldeten, und einen, in denen das Gefühl entstand, sich nun der "Realität" zu nähern.

Dass Selbstmordanschläge, wie sie seit dem Massaker des Extremisten Baruch Goldstein zum Purimfest 1994 entstanden sind, eine zunehmende und beängstigende Rolle in der Selbstsicht palästinensischer Jugendlicher spielen – wenn auch im Sinn einer bizarren neu entwickelten Folklore – ist unbestritten. Besonders erschreckend ist, dass dabei keineswegs Hamas oder Islamic Jihad die Rhetorik vorantreiben, sondern die Fatah im Kampf um die Führung die Häuserwände selbst von Städten wie Betlehem mit den Bildern von Shahid zupflastert.

Genaueres Hinsehen

Ursachen und Wirkung können lange diskutiert werden, die aufgeworfene Frage bezieht sich indes auf die Darstellung dieser vorgeblichen Darstellung bzw. Förderung durch die PNA. Die vorliegende Videocollage ist gar nicht schlecht montiert, im Gegenteil, sie bietet eigentlich einen überwältigenden Eindruck. Allerdings nur auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen fühlt man sich an die eingangs erwähnten Dokumentaristen erinnert, deren Arbeitsweise jenes Problem hat, dass sie die Bilder zu ihrer These zusammenschneiden und nicht umgekehrt.

Die Bilder sind zwischen zwei und drei Jahren alt und setzen auf Überwältigungsstrategie: Musikvideos, Ausschnitte aus einem Spielfilm, Mütter von Selbstmordattentätern und ein einziger dürftiger Satz des PLO-Chefs Yassir Arafat (wo bleibt die behauptete Mobilisierung der PNA?) werden zu einer breiten Angriffslinie formiert, die letztlich in der eigenen Beliebigkeit zu versanden droht.

Zwei Mädchen, die vor einem TV-Moderator sehr überzeugt sagen, dass sie den Märtyrerinnentod dem Leben vorziehen, sind so viel Beweis für die unterstellte Medienpolitik wie das Ausgangssperrenspiel, in dem Kinder die Rollen zwischen palästinensischem Widerstand und israelischen Soldaten nachstellen. Kein Zweifel, welche Rolle beliebter ist, kein Zweifel, dass die subjektiv erfahrene Realität hier der Impulsgeber ist, aus der die "Folklore" gestiftet wird. In weiterer Folge werden steinewerfende Jugendliche ungefähr nach der Logik, Marihuana sei die Einstiegsdroge zu Heroin, als zukünftige Selbstmordattentäter dargestellt, während die erst sehr spät erfolgte Tilgung der alten PLO-Forderung, (Gemeinsamer, säkulärer Staat Palästina statt Zwei-Staaten-Lösung) zum Vorspiel zur Vernichtung der Juden wird.

Auffällige Bild-Ton-Schere

In einem Kontext, der auf reale Ängste in der israelischen Gesellschaft ebenso abzielt wie auf eine längst vergangene PLO-Rhetorik zur Zeit Ahmed Shukeirys. Am auffälligsten an der Montage dieses Bilddokuments ist freilich die Bild-Ton-Schere. Bildern der Intifada und steinewerfenden Jugendlichen wird ein Ton unterlegt, der von Selbstmordanschlägen, Märtyrern und Terroristen berichtet. Einmal sieht man ein Kind auf den Boden fallen, das offenbar von einem Geschoss getroffen wurde, ein anderes Mal ein Kind mit weißer Fahne.

Diese Bilder sprechen eine andere Sprache, eine des Alltages, nicht der intendierten medialen Inszenierung. Der konsensuale Märtyrerkult wird durch eine Grafik verdeutlicht, die in einem kruden Mix kulturelle Theoreme ebenso anreisst wie offiziöse Politik und soziales Leben. Die Grafik ist Sinnbild einer Medienrealität, der zuweilen die Realität abhanden kommmt. Strukturell erinnert das an jene Klerikalen, denen jede soziale und mediale Wirklichkeit als Forum für ihre Hasspredigten recht ist. Gegen sie ist die bildungs- und hoffnungsarme Generation tatsächlich schlecht gewappnet.

Der Autor

Gunnar Landsgesell war außenpolitischer Redakteur des Wochenmagazins Format, ist Mitbegründer von malmoe – Zeitschrift für Kultur und Politik, Redakteur des österreichischen Kinomagazins RAY und Österreich-Korrespondent des deutschen Branchenmagazins Blickpunkt:Film. 2005 erscheint ein Buch von Mit-Herausgeber Landsgesell über Spike Lee.

Nachlese

Das derStandard.at-Interview zum Kommentar der anderen mit Palestinian Media Watch-Direktor Itamar Marcus: "Kinder werden umfassend zu Hass erzogen"

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