"Basis für eine dynamische Blattgestaltung"

7. Dezember 2004, 14:17
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Seit einem Jahr wird der STANDARD von einem Newsroom aus produziert

"In Stoßzeiten ist es manchmal laut und sehr unruhig, ein 'Gewurl', dass ich kaum zu meinem Schreibtisch durch komme", sagt Gerhard Richter. Er schaut neben Peter Windisch im Tagesgeschäft am Newsdesk darauf, dass die Seiten des STANDARD korrekt und (einigermaßen) rechtzeitig zur Druckerei gelangen.

Trotzdem - oder sogar gerade wegen dieses Getümmels an Layoutern, Redakteuren, Chefredakteur, Korrektoren, Bildleuten zum Beispiel während Abendkonferenz und Seite-1-Konferenz - zieht Richter ein Jahr nach der Umstellung der Produktion auf ein Newsroomkonzept ein positives Resümee: "Unentbehrlich" sei es geworden, dass etwa Fotos und Grafiken in Rufweite greifbar, die Chefs vom Dienst "bei uns" sind, sodass man "Probleme sofort gemeinsam lösen kann".

Bis zur Einführung dieses Newsrooms produzierte diese Zeitung "klassisch". So wie die meisten Blätter im deutschsprachigen Raum waren Ressorts und Unterabteilungen streng getrennt, räumlich und funktional zum Teil sehr weit voneinander entfernt, Layout, Foto, Grafik, Archiv vor allem nur durch wahre "Dauerläufe" miteinander verbunden. Das alles getrieben von der Infobeschleunigung und einschneidenden Änderungen, die Internet, Softwareentwicklung und Computersektor seit Mitte der Neunzigerjahre mit sich gebracht haben.

"Schneller, qualitativer, reibungsloser, effizienter und kostengünstiger"

Anders ausgedrückt: Der Newsroom als Herzstück einer runderneuerten STANDARD-Produktion sollte rund 200 Verlagsmitarbeiter auf fast 4000 Quadratmetern in zwei miteinander verbundenen Wiener Innenstadtpalais ganz neu aufteilen. Ziel: eine Struktur zu schaffen, um beim Zeitungmachen "schneller, qualitativer, reibungsloser, effizienter und kostengünstiger" vorgehen zu können.

Da ein Umzug in ein echtes Großraumbüro (mit entsprechender Großinvestition) nicht infrage kam, wurde mithilfe des beratenden Architekten Markus Marignoni im Haus eine maßgeschneiderte Variante realisiert. Einfache Grundüberlegung: Es wird ein Newsdesk, eine Werkbank, geschaffen, an dem alle für die Seitengestaltung notwendigen Funktionen, also Layout, Bild/Grafik und Redaktion zusammenfließen, die Zeitung während des Entstehens für alle sichtbar wird. Das Newsdesk musste über alle technischen Möglichkeiten verfügen, um jederzeit jede Information abrufen zu können.

Letzteres, eine komplette und vollflexible technische Vernetzung von Computer, Telefon, TV/Radio und Netzwerken wäre ohne eine "kleine" Entwicklungskooperation mit Panasonic Austria und dem Neudörfler-Architekten Oskar Gogl schwer möglich gewesen - Newsrooms gibt es nicht von der Stange.

So sehr die Umstellung noch für Spannungen gesorgt hatte, so deutlich zeigen sich heute Vorteile konzentrierter Informationsverarbeitung.

Markantestes, erfolgreich erprobtes Beispiel: Wahlen. Dann zieht kurzfristig das gesamte Innenpolitikressort in den Newsroom ein, ganze Seitenstrecken können innerhalb von Minuten verändert werden. "Der Newsroom ermöglicht eine dynamische Blattgestaltung", sagt Chefredakteur Gerfried Sperl, "weil man alles, was man braucht, sofort zur Hand hat". Die Weiterentwicklung sei vorgezeichnet: noch höhere Flexibilität, nicht zuletzt "durch ganz moderne Software". (red/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2004)

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