Redakteure zum Reden bringen: Immer mehr Redaktionen setzen auf Newsrooms

7. Dezember 2004, 14:17
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Ressortgrenzen stören nicht nur räumlich - In zentralen Arbeitsräumen sollen Nachrichten zusammenlaufen

Wie entstehen Zeitungen? Damit verbinden Chefredakteure und Verleger in den vergangenen Jahren vor allem die Frage, wo sie entstehen. In "Newsrooms" sollen die Nachrichten zusammenlaufen - über Ressorts, bisweilen über Mediengrenzen hinweg.

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Die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York machten Wolfgang Mayr "schlagartig klar", dass die Austria Presse Agentur (APA) so nicht weiterarbeiten kann. Um die Berichterstattung aller Ressorts zum Thema abzustimmen, pendelten APA-Chefredakteur Mayr, Stellvertreter, Chef vom Dienst zwischen vier Stockwerken im Internationalen Pressezentrum in Wien-Heiligenstadt.

1600-Quadratmeter-Raum

Die österreichische Nachrichtenagentur reagiert radikal: Bis Herbst 2005 sollen rund 160 Redakteure in einem einzigen, 1600 Quadratmeter großen Raum arbeiten. In der Mitte die Chefredaktion, mit den Dienst habenden Redakteuren und Ressortleitern in Rufweite. Mehr als 500 Berichte im Wochenschnitt, an Werktagen 700 bis 800, sollen so ohne störende Ressortgrenzen abgefertigt werden.

Reporter und "Editors"

Ressortgrenzen stören nicht nur räumlich: Themen, die nicht ins Schema klassischer Ressorts passen, fallen zwischen ihnen durch - und fehlen im Nachrichtenangebot etwa von Zeitungen. Radikal reagierte darauf zum Beispiel die deutsche "Rhein Main Presse", berichtete der deutsche Kommunikationswissenschafter Klaus Meier bei einer APA-Veranstaltung über Newsrooms in St. Pölten: Die Redaktion teilt sich - nach amerikanischem Vorbild - in Reporter, die recherchieren, und "Editors", die Artikel schreiben. 18 Journalisten arbeiten am zentralen "Newsdesk" der "Rhein Main Presse". Das Ergebnis laut Meier: mehr eigenrecherchierte Geschichten, neue Angebote wie SMS-Dienste und Newsletter.

"Tampa Tribune": Tageszeitung, Onlinedienst, TV

Viel weiter noch geht die "Tampa Tribune". Die Tageszeitung entsteht zusammen mit einem Onlinedienst und einem lokalen Fernsehprogramm. Redakteure begleiten Storys durch die verschiedenenen Medien. Die Eier legende Wollmilchsau von Journalist, der Fernsehbeiträge schneidet und textet, daneben Zeitungsbericht und -kommentar verfasst und dazu noch die eine oder andere Onlinemeldung schreibt, hat freilich auch in Tampa Seltenheitswert. Thema auch hier: Kommunikation der Redaktionen über bestehende Grenzen hinweg, in Tampa über Ressort- und Mediengrenzen.

Laptop und Container

Diese Kommunikation war denn auch gemeinsamer Nenner einer Podiumsdiskussion in St. Pölten, organisiert von der örtlichen Fachhochschule. Im Medienhaus der "Vorarlberger Nachrichten" sind die Büros längst größer, Laptop und Container sollten angestammte Schreibtische ersetzen. "Die Journalisten reden halt durch die neuen Räume leichter", sagt Chefredakteur Christian Ortner. Er hätte lieber noch größere, derzeit finden darin jeweils 15 Platz.

Das deckt sich mit Umfragen, die Meier zitierte: Vor allem Chefredakteure wünschen sich neue Strukturen in ihren Redaktionen, die Redakteure sind weniger begeistert von Großraumlösungen.

Redaktion bockt

Am Widerstand der Redakteure scheiterten schon entsprechende Pläne der "Kleinen Zeitung": In deren Newsroom sollten eigene Schreibtische der Vergangenheit angehören, wer etwa am aktuellen Aufmacherthema bastelt, rückt ganz in die Mitte zur Chefredaktion. Die anderen rücken an diesem Tag nach hinten. Das Konzept scheiterte am internen Widerstand.

Die "Presse" gehört wie die "Kleine" zum Medienkonzern Styria. Sie plant den Auszug aus dem Gebäude des Wiener Marriott, um einen Newsroom zu ermöglichen.

Die 160 APA-Redakteure in einem Raum wird Wolfgang Mayr nicht mehr selbst koordinieren: Er übergibt den Job mit August 2005 an seinen bisherigen Stellvertreter Michael Lang und verabschiedet sich in die Pension. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2004)

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