Rückkehr zu den "klassischen Loyalitäten"

6. Dezember 2004, 12:23
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STANDARD-Interview mit Politologin Eva Kreisky zum Einstieg in die Politik

    Wer in die Politik gehen will, sollte vorher möglichst viele andere Lebensbereiche kennen lernen, rät Politologin Eva Kreisky. Vom Hochdienen in einer Partei hält sie nichts. Mit ihr sprach Peter Mayr.

Standard: Was empfehlen Sie jemandem, der in die Politik gehen will?

Kreisky: Er oder sie soll möglichst viele Lebensbereiche außerhalb der Berufspolitik kennen lernen und sich erst dann für den Weg in die Politik entscheiden.

STANDARD: Also sich nicht in der Parteistruktur hochzudienen.

Kreisky: Genau. Ich wünsche mir eine politische Kultur, in der das möglich ist. Aber in Österreich kann man wahrscheinlich nirgendwo etwas werden, wenn man nicht irgendwelche Zugänge - ich will jetzt nicht gleich von Beziehungen sprechen - hat. Die Kleinheit Österreichs und die Nähe, die da herstellbar ist, macht das unvermeidlich.

STANDARD: Das heißt, der "klassische" Weg funktioniert noch?

Kreisky: Wieder stärker. All das, was jetzt unter der Debatte "Umfärbung" läuft, heißt ja nichts anderes, als wieder zurückzugehen zu diesen klassischen Loyalitäten zu bestimmten Parteien - nur halt jetzt mit anderen Vorzeichen.

STANDARD: Erklärt das, warum Quereinsteiger nach wie vor eher selten zu finden sind?

Kreisky: Es gab Phasen, wo solche Personen bewusst in die Politik geholt wurden. Das scheint mir in letzter Zeit viel weniger der Fall zu sein.

STANDARD: Warum?

Kreisky: In Koalitionen oder wenn parlamentarische Mehrheiten knapp sind, ist die Loyalität der eigenen Partei gegenüber sehr wichtig.

STANDARD: Ist die Politik noch immer eine Männerbastion?

Kreisky: Hier gab es noch keinen echten Wechsel. Es haben sich die Quoten verbessert, aber es ist noch nicht normal, dass Frauen genauso wie Männer herangezogen werden.

STANDARD: Weshalb haben es Frauen nach wie vor schwerer?

Kreisky: Bei Frauen wird noch immer davon ausgegangen, dass sie eine schützende männliche Hand brauchen. Bei den Außenministerinnen hat sich der Kanzler als diese entpuppt. In der SP-Alleinregierung, war es Bruno Kreisky. Selbst bei Riess-Passer bedurfte es einen Patrons.

STANDARD: Sind Reißverschlusssysteme eine Lösung?

Kreisky: Ja. Aber überlegen Sie, auf wen aller in den Großparteien Rücksicht genommen werden muss - etwa auf die Bünde. Und dann kommt noch das Geschlecht dazu. Da wird dieses Patronanzsystem leider wieder verständlich. (DER STANDARD, Print, 26.11.2004)

Zur Person

Eva Kreisky ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien.
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