"Der Polarexpress": Weihnachtliche Werbefahrt ins eigene Ich

26. März 2005, 22:27
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Robert Zemeckis' "Der Polarexpress" entführt einen kleinen Jungen zum Hauptwohnsitz des Weihnachtsmanns

... und setzt dabei auf ein neues Animationsverfahren, das echte Darsteller in Trickfiguren verwandelt.


Wien - Einerseits sollten Analogien und Assoziationen zwischen Kino und Traum in vorweihnachtlichen Tagen tunlichst vermieden werden. Andererseits gibt es da einen kleinen Jungen ohne Namen, der in der Weihnachtsnacht mit kalten Füßen im Bett liegt, was weniger mit der Zimmertemperatur zusammenhängt als mit dem Umstand, dass er dem Weihnachtsmann die Glaubensgefolgschaft verweigert.

Es könnte nun natürlich sein, dass der gewaltige, pfeifende Zug, der vor dem verschneiten Einfamilienhaus hält, nur ein Traum ist. Oder, dass dieser Junge eine letzte Chance erhält, sein zukünftiges Leben als unendlichen Tagtraum einzurichten; gerade so, als ob er immer im Kino säße. Es ist aber vielmehr so, dass das alles nur ein Film von Robert Zemeckis ist, der uns weismachen will, dass es nicht wichtig sei, wo der Glaubenszug hinfährt, sondern nur, in diesen einzusteigen.

Ganze 32 Seiten umfasst die aufgrund ihrer Ölpastell-Illustrationen bekannte Weihnachtsgeschichte des populären Kinderbuchautors Chris Von Allsburg, und während es in jüngster Zeit im Kino eher darum ging, monumentale Stoffe auf Spielfilmlänge zu kürzen, ist der umgekehrte Weg selten geworden.

Fünfmal Hanks

Ein erweiterter kreativer Spielraum für Zemeckis sozusagen, der diesen jedoch in erster Linie seinem Technikerstab überantwortet: Gedreht mittels einer neuen CGI-Technologie namens Motion Capturing, bei der die Darstellung der Schauspieler aufgezeichnet und auf digitale Figuren übertragen wird, gerät die Zugfahrt zum Nordpol als Hauptwohnsitz des Weihnachtsmanns vor allem zur technologischen Leistungsschau; die Reise ins juvenile Ich verkommt dabei zur ideologischen Werbefahrt, erlaubt aber dafür Tom Hanks, inklusive Schaffner und Weihnachtsmann gleich fünf Rollen auf einmal zu spielen.

Dass die Motion-Capturing-Technik in erster Linie bei Naturaufnahmen zu überzeugen vermag, während die Körper eigentümlich unnahbar bleiben, liegt auch daran, dass den ungläubigen Kindern eine durch Ehrfurcht verursachte Blutleere ins Gesicht geschrieben steht.

Die stärkste Szene in diesem Film gehört deshalb auch einer Fahrkarte, die dem kleinen Helden abhanden und über Umwege durch die wilde Winterlandschaft wieder zurück in seinen Besitz kommt: Nicht nur eine visuelle Miniatur und eine für Zemeckis typische Form von Parallelbewegung, sondern hier gleichzeitig buchstäblich eine Standortfrage für einen Regisseur, der seine Helden immer schon gerne mit Transportmitteln jedweder Art auf die Reise in die Selbstfindung geschickt hat.

Denn alle kehren wir Zemeckis Credo zufolge - mit Filmen wie Back to the Future, Contact oder Cast Away - wieder dahin zurück, wo wir unsere Reise begonnen haben. Ob wir dann an den Weihnachtsmann glauben, ist gar nicht so wichtig. Der frömmste Wunsch nämlich lautet: Bloß nicht loslassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11.2004)

Von
Michael Pekler

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