Demonstrantionen in Kiew halten an

Redaktion, 26. November 2004 12:13

Großdemonstration auf Platz der Unabhängigkeit - Unruhen bleiben weiterhin aus - Aufforderung an Sicherheitskräfte Seite zu wechseln

Kiew /Wien - Nach einer Nacht ohne Ausschreitungen haben sich auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz Donnerstag Früh wieder 50.000 Menschen versammelt, um für eine friedliche Machtübergabe an Juschtschenko zu demonstrieren. In der Nacht hatten tausende Oppositionsanhänger bei minus 15 Grad Frost im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt ausgeharrt. Aus dem ganzen Land kamen die Demonstranten in die Hauptstadt, um ihre Unterstützung für den pro-westlichen Politiker zu bekunden. Sie schwenkten Fahnen in den Landesfarben blau und gelb und orangefarbene Banner der Partei Juschtschenkos. Auf einer Bühne auf dem Unabhängigkeitsplatz in der Innenstadt spielten Pop-Musiker bei Minustemperaturen. Priester sprachen Gebete.

Aufforderung an Sicherheitskräfte Seite zu wechseln

Mehrere dutzend Demonstranten bildeten am Donnerstag "Sicherheitssperren" zwischen den Sicherheitskräften und den Protestteilnehmern auf der Straße zum Präsidentenpalast in Kiew, um Zwischenfälle zu vermeiden. Ein Uniformierter, der sich als Oberst des Verteidigungsministeriums vorstellte, rief die Sicherheitskräfte per Megafon auf, sich an die Seite der Opposition zu stellen: "Ihr wäret unsere Helden. Ihr würdet mit Blumen bedeckt statt mit Schande, wie ihr es jetzt seid", rief der Oberst Mikola Feluk.

Vierte Nacht im Freien

Zahlreiche Demonstranten verbrachten auch die vierte Nacht nach der von Fälschungsvorwürfen überschatteten Präsidentenwahl im Freien. In der Nacht marschierten auch kleine Gruppen von Anhängern des amtierenden Regierungschefs Viktor Janukowitsch durch die Straßen Kiews. Beide Seiten bemühten sich, offene Konfrontationen zu vermeiden, wie Augenzeugen berichteten. Vor dem von der Polizei und Militär geschützten Präsidentenamt sowie dem Gebäude der Wahlleitung blieb es ebenfalls friedlich.

Der am Vorabend von Juschtschenko ausgerufene Generalstreik zeigte bis zum Morgen noch keine Wirkung. Die Parlamentsabgeordnete Julia Timoschenko hatte die Kundgebungsteilnehmer aufgerufen, unter anderem Hauptstraßen, Eisenbahngleise sowie Flughäfen zu besetzen.

Größte Proteste am Mittwochabend

Am späten Mittwochabend ist es in Kiew zu den bisher größten Protesten gegen die umstrittene Präsidentschaftswahl gekommen. Etwa 200.000 Menschen zogen auf den Unabhängigkeits-Platz im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Dass die Wahlkommission Regierungskandidat Viktor Janukowitsch am Mittwochnachmittag zum offiziellen Sieger erklärt hatte, schien den Anhängern von Oppositionskandidat Viktor Juschtschenko nur neuen Auftrieb gegeben zu haben. Doch den scharfen Worten der Demonstranten folgten keine gewalttätigen Aktionen, im Gegenteil: Der Widerstand war von einer ausgesprochenen Höflichkeit geprägt.

Wut formte sich in Kameradschaft

Die eisige Kälte und das reichlich fließende Bier hätte die friedliche Menschenmasse in einen wütenden Mob verwandeln können. Doch in Kiew formte sich die Wut in Kameradschaft. Ein alter Mann mit Fellmütze und abgetragenem Mantel tanzte auf dem Unabhängigkeits-Platz ausgelassen, wenngleich ein wenig steif, vor ein paar modischen Teenagern. Bekannte, die sich in der Menge wiedererkannten, umarmten sich freudig. Von der Rednerbühnen schossen bunte Laserstrahlen in den schwarzen Himmel und reflektierten an den Schneeflocken.

In dieser Nacht zogen keine Pro-Janukowitsch-Demonstranten durch Stadt

Es gab immer wieder Angst vor Zusammenstößen von Regierungs- und Oppositionsanhängern. Doch anders als in den vorangegangenen Tagen zogen in dieser Nacht keine Pro-Janukowitsch-Demonstranten in die Stadt. Und so schien sich die Anspannung wenige Stunden nach der Erklärung der Wahlkommission in der kalten Luft aufzulösen, nach Mitternacht leerte sich der Platz.

Obwohl das Regierungslager vor dem Gebäude der Wahlkommission mit Wodka und Champagner auf den amtlichen Sieg anstieß, blieb die Stimmung dort mürrisch. Konfrontationen mit den Demonstranten gingen die Janukowitsch-Anhänger aus dem Weg.

Respekt gegenüber Sicherheitskräften

Bereitschaftspolizist Wache, als sich eine Demonstrantin näherte. Mit einem schüchternen Lächeln bat sie, ihn Fotografieren zu dürfen. Wenig später zog der Polizist seine schwarze Maske ab, um eine angeregte, aber ruhige Diskussion mit Juschtschenko-Anhängern zu führen. "Leute, ich muss hier meine Arbeit machen", erklärte er. "Ihr müsst verstehen, dass ich hier bin. Die Verfassung verlangt, dass ich die Rechtstaatlichkeit schütze." "Aber das Recht sollte für das Volk sein", erwiderte ein Demonstrant mit heiserer Stimme. Höflich, wenngleich ohne Einigung, debattierten die beiden einige Minuten weiter.

Auch vom Schnee, der die Hügel Kiews in Rutschbahnen verwandelte, ließ sich die Opposition eher ermuntern als dämpfen. Auf dem Weg vom Präsidialamt zum Unabhängigkeitsplatz schlitterten einige Demonstranten ausgelassen über eine Eisfläche, einer von ihnen rutsche sogar auf dem Bauch. "Das war großartig", rief einer seiner Freunde. "Juschtschenko, Juschtschenko!"

Kundgebung auch vor ukrainischer Botschaft in Wien: "Juschtschenko ist Präsident"

Anhänger des ukrainischen Oppositionsführers und ehemaligen Premiers Viktor Juschtschenko haben am Mittwochabend in Wien vor der Botschaft der Ukraine in Wien-Währing demonstriert. Nach Angaben der Veranstalter nahmen 200 bis 250 Menschen an der Kundgebung teil. Die Polizei sprach von 50 Demonstranten. Bei der einstündigen Protestaktion habe es keine Zwischenfälle gegeben.

Die Kundgebung stand unter dem Motto "Juschtschenko ist Präsident". Die Gruppe hat nach eigenen Angaben am Dienstag im Bundeskanzleramt eine Petition übergeben, in der es hieß, der neue Präsident der Ukraine dürfe ohne eine vorherige Untersuchung der Wahlfälschungsvorfälle nicht anerkannt werden. Es sollte nur jener Kandidat als Präsident anerkannt werden, der sich keiner Verletzung der ukrainischen Gesetze schuldig gemacht habe. Ein Sprecher der Gruppe sagte am Mittwochabend, man habe noch keine Antwort aus dem Bundeskanzleramt erhalten. (APA/AP)

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18 Postings
emma goldman
26.11.2004 12:13

1996 wurden in russland die wahlen gefälscht.
1 Monat vor der Wahl lagen die Kommunisten haushoch in Führung.
Frau Spera vom orf konnte sich nichg verbeissen am wahltag zu sagen: "können wir hoffen".
Dieses gefälschte Wahlergebnis kümmerte niemanden.
Resulat: endgültiger Sieg der Oligarche.
Zusammenbruch der Banken u.s.w.

Andrei Tchoubrikov
25.11.2004 16:34
Der Opposition geht das Geld aus.

Der Juschtschenko-Stab rief zu Spenden auf. Als erste merkten es "die an der fordersten Front", "für die Teilnahme an der ersten Demos kriegten wir 200 Hrywna (40 USD) pro Tag, jetzt nur mehr 10 (unter 2 USD), sagte ein Stammdemonstrierer am Majdan", meldet For-Ua.com

http://www.for-ua.com/news/2004... 64720.html

Mariusz
26.11.2004 09:08
http://www.for-ua.com/

Diese russischsprachige Seite lobt nur Janukovich... sie wird von seinen Anhänger geführt. Die Berichte sind einseitig, reine Propaganda für das alte Regime!
Wie stellen Sie sich vor, hunderttausende Demonstranten zu bezahlen?

anna timkov
25.11.2004 17:48
aus Kiev

mein Mann und sämtliche Bekannte(ca 50 Personen),die greade auf dem Maidan für Juschtschenko demonstrieren machen dies aus Überzeugung und erhalten kein Geld dafür.Circa jeder dritte trägt Orange (Bändchen,Aufkleber u.s.w).Viele Leute bringen kostenlos warme Kleidung,Nahrung und Getränke zum Maidan.Dort befinden sich momentan ca. 500 000 Menschen,in anderen Städten sammeln sich ebenfalls Menschen-zu sagen,dass die bezahlt werden kann ich nur als Provokation ansehen!
Ihre Aussage bezieht sich wohl auf die Demonstranten für Janukovitsch!

miroulitseli
 
25.11.2004 17:14
für was brauchen

überzeugte Demokraten Geld um zu demonstrieren, wieso braucht ein so beliebter Politiker die monetäre Karotte, um eine Demonstration zu veranstalten??? Bitte, nicht wieder damit kommen, dass die Leute lieber demonstrieren und arbeiten und daher diese "Diäten" brauchen. Abgesehen von den Rentnern, Studenten, Kindern und sonstigen Nicht-Erwerbstätigen - lt. CIA World Factbook liegt das BIP/Kopf in der Ukraine by $5,400 jährlich (in purchasing-power parity), das macht umgerechnet $15 pro Tag (at PPP). Da erscheinen $40 nicht gerade als schlechter Lohn.

Felix Meritis
25.11.2004 16:49

Was das Geld geht aus? Trotz der prall gefüllten Kriegskassa der Angelsachsen und den Sonntagsspenden der Vatikan-Germanen (copyright Tchoubrikov). Nelsja!

Thoditz
25.11.2004 22:45

hi hi - tja - tchoubrikov und andere geistesblitze scheinen mir eine art fünfte kolonne zu sein.

kettenreaktion
25.11.2004 12:19

friede freude eierkuchen, herzig, wie so ein Tienamnen Platz sein kann. Mütterchen Rußlands viele Gesichter.
Terschnobyl, der Kettenreaktor, der liegt in der Ukraine.
Hat die EU sonst noch was abgekriegt von ihrem "größten Landstrich"?

Andreas Spatzek
 
25.11.2004 12:14
Respekt vor den Ukrainern!

Es ist unglaublich wie dumm sich einige Leser äußern können, die wahrscheinlich die Ukraine nicht mal auf der Landkarte finden können!
Wie sonst unüblich in der ehemaligen Sowjetunion stehen die Leute nun endlich auf und lassen sich nicht mehr alles gefallen. Übrigens wegen Objektivität westlicher Medien: bei uns redet kein Mensch darüber, das Janukovicz zweimal vorbestraft ist und das dritte Mal (Anklage wegen Vergewaltigung) nur wegen der plötzlich verschwundenen Zeugen nicht zum Handkuss gekommen ist. Der Mann hat sogar einen Häfenspitznamen "Cham" = "der Unverschämte". Die Leute reagieren nur normal: wer will einen solchen Präsidenten? Sie vielleicht?
Chaj zhyve vil'naj Ukrajina!
Mfg

anna timkov
25.11.2004 16:27
aus Kiev

Danke für die WAHRHEIT!

Thoditz
25.11.2004 22:49

ich halte Euch die daumen! in Eurer gemeinsamen freude liegt die stärke! und frohe festtage!

miroulitseli
 
25.11.2004 12:33
aber aber

wer wird denn gleich mit Beleidigungen kommen? Ich hoffe doch, dass alle hier Postenden wissen, wo die Ukraine liegt... Niemand hat behauptet, dass Yanukovich der ideale Präsidentschaftskandidat sei. Ob das für die Gegenseite zutrifft, halte ich aber für fraglich. AUCH deshalb, weil ich es nicht für richtig befinde, sich per Bibel und Treuschwur und sehr mediengerecht voreilig ins (noch) nicht gewonnene Amt einsetzen zu lassen. Das ist doch alles Brot (?) und Spiele. Und zu einem steh ich: dass Demokratie kein Zirkus ist. Wenn Sie schon die ex-Soviet-Staaten ansprechen: letztes Jahr hat man in Georgien Saakashvili mit Soros-Geld am Feiertag des Nationalheiligen mit Rosen auf das Präsidentenross gehoben. Mediendemokratie oder nicht??

miroulitseli
 
25.11.2004 09:50
Revolution (?) als Volksfest

Interessant, wie sich die Rosen-, Samt- und sonstigen friedvollen Revolutionen in den letzten Jahren vervielfältigen. Dass die Wahlen in der Ukraine rechtmäßig verlaufen sind, glaubt wohl niemand. Ob der "Demokrat" Yushchenko andererseits selbst eine so weiße Weste hat, soll dahingestellt bleiben. Dass aber mit Ereignissen wie jetzt in Kiev die politische Auseinandersetzung zum medienwirksamen Spektakel mit Volksfestcharakter verkommt, scheint den begeistert von "wahrer Demokratie" brabbelnden Westen nicht zu stören. Zur Erinnerung: wahre Demokratie wird in - ehrlich ausgetragenen - Wahlkämpfen gemacht, nicht im späteren Beschuldigen, Nicht-Akzeptieren und Revoluzzen.

anna timkov
25.11.2004 16:34
aus Kiev

Die Wahlkämpfe waren nicht ehrlich.
Juschtschenko hatte faktisch keinen Zugang zu den Massenmedien ausser seinem eigenen Fernsehkanal,der zwischendurch blockiert wurde und nun wieder geschlossen zu werden droht.
Journalisten aus den staatlichen Kanalen weigern sich mittlerweile die Nachrichten zu moderieren,da Alles diktier und einseitig berichtet werden soll.
Die Beschuldigungen waren nicht HINTERHER sondern die ganze Zeit.
Damit wahre Demokratie entstehen kann müssen erstmal die Voraussetzungen dafür geschaffen werden.In der Ukraine gab und gibt es sie nicht.

miroulitseli
 
25.11.2004 18:28
Respekt

und alles Verständnis der Welt für die Menschen, die aus ehrlicher Überzeugung für ihre politische Einstellung auf die Straße gehen. Niemand versucht zu behaupten, dass die Wahlen ehrlich verlaufen sind. ABER: Ist Yushchenko wirklich der Weiße Ritter der Demokratie? War denn der nicht schon Premierminister unter Kuchma? Und außerdem: gefällt es Ihnen, dass Ihr Land und die jetzige Situation für größere Interessen missbraucht wird? Heute auf der Titelseite des Standard: USA erkennen Wahlergebnis nicht an und drohen mit Konsequenzen, Russland verbittet sich Einmischung. Wer oder was bleibt da wohl verbal und tatsächlich auf der Strecke???

anna timkov
25.11.2004 19:41
aus Kiev

für so blauäugig brauchen Sie die Menschen hier nicht zu halten-in der Politik gibt es keine weisse Westen!
Kuchma hat Juschtschenko "gemacht" und dann als dieser ihm zu gefährlich wurde abgesetzt.
Jedenfalls hat Juschtschenko mit seiner Einführung der Hryvna mehr Talant gezeigt als Janukovich der auf "vorgewärmtem Platz" die Renten um 40% erhöht hat(eigentlich war dies eine einmalige Zahlung was offiziell nicht bekanntgegeben wurde,und diente zu Agitationszwecken.),was eine enorme Preissteigerung zur Folge hatte.
Ja,dass die Konsequenzen das Volk treffen werden ist leider Fakt.
Aber welche Wahl hat die Ukraine denn noch?

Andrei Tchoubrikov
25.11.2004 12:07
Volksfest stimmt schon

Im Sommer wird der Hreschatyk und Majdan zugesperrt und gratis Konzerte gegeben. Bierzelte stehen da rum, kleiner Attraktionen. Menschen gehen mit Familien spazieren, Freunde treffen sich. Viele Kiewer können sich Unterhaltung nicht leisten - Clubs, Disco, aber auch Kino, geschweige denn in ein Restaurant gehen. War zumindestens so, als ich dort gelebt habe.

Am Anfang hat es sehr an so ein Volksfest (ohne "") erinnert -- gratis Konzert, viel Jugend. Jetzt kommen aber radikeler eingestellte älter Semester aus West und Ost, und die haben einscheinend anderes im Kopf, als friedlich mit der Ruslana mitzusingen und auf Klitschko zu kucken.

Bertel Mann
 
25.11.2004 07:16
"Demonstranten noch guter Stimmung" und...

"Lemberg noch in unserer Hand".

Schon rührend, was für zärtliche, spontane Menschen diese Demonstranten sind - im Gegensatz zu mürrischen Regierungslager. Schon allein deshalb müssen sie die Guten sein.
Und die westlichen Medien berichten auch sicher ganz objektiv...

Eine Neuauszählung der Stimmen wäre vielleicht der sinnvollste Weg. Allerdings glaube ich nicht, dass einer der beiden Kandidaten eine Niederlage akzeptieren würde.

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