Großdemonstration auf Platz der Unabhängigkeit - Unruhen bleiben weiterhin aus - Aufforderung an Sicherheitskräfte Seite zu wechseln
Kiew /Wien - Nach einer Nacht ohne Ausschreitungen haben sich
auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz Donnerstag
Früh wieder 50.000 Menschen versammelt, um für eine friedliche Machtübergabe an
Juschtschenko zu demonstrieren. In der Nacht hatten tausende
Oppositionsanhänger bei minus 15 Grad Frost im Zentrum der
ukrainischen Hauptstadt ausgeharrt.
Aus dem ganzen Land kamen die Demonstranten in die Hauptstadt, um
ihre Unterstützung für den pro-westlichen Politiker zu bekunden. Sie
schwenkten Fahnen in den Landesfarben blau und gelb und orangefarbene
Banner der Partei Juschtschenkos. Auf einer Bühne auf dem
Unabhängigkeitsplatz in der Innenstadt spielten Pop-Musiker bei
Minustemperaturen. Priester sprachen Gebete.
Aufforderung an Sicherheitskräfte Seite zu wechseln
Mehrere dutzend
Demonstranten bildeten am Donnerstag "Sicherheitssperren" zwischen
den Sicherheitskräften und den Protestteilnehmern auf der Straße zum
Präsidentenpalast in Kiew, um Zwischenfälle zu vermeiden. Ein
Uniformierter, der sich als Oberst des Verteidigungsministeriums
vorstellte, rief die Sicherheitskräfte per Megafon auf, sich an die
Seite der Opposition zu stellen: "Ihr wäret unsere Helden. Ihr würdet
mit Blumen bedeckt statt mit Schande, wie ihr es jetzt seid", rief
der Oberst Mikola Feluk.
Vierte Nacht im Freien
Zahlreiche Demonstranten verbrachten auch die vierte Nacht nach
der von Fälschungsvorwürfen überschatteten Präsidentenwahl im Freien.
In der Nacht marschierten auch kleine Gruppen von Anhängern des
amtierenden Regierungschefs Viktor Janukowitsch durch die Straßen
Kiews. Beide Seiten bemühten sich, offene Konfrontationen zu
vermeiden, wie Augenzeugen berichteten. Vor dem von der Polizei und
Militär geschützten Präsidentenamt sowie dem Gebäude der Wahlleitung
blieb es ebenfalls friedlich.
Der am Vorabend von Juschtschenko ausgerufene Generalstreik zeigte
bis zum Morgen noch keine Wirkung. Die Parlamentsabgeordnete Julia
Timoschenko hatte die Kundgebungsteilnehmer aufgerufen, unter anderem
Hauptstraßen, Eisenbahngleise sowie Flughäfen zu besetzen.
Größte Proteste am Mittwochabend
Am späten Mittwochabend ist es in Kiew zu den
bisher größten Protesten gegen die umstrittene Präsidentschaftswahl
gekommen. Etwa 200.000 Menschen zogen auf den Unabhängigkeits-Platz
im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Dass die Wahlkommission
Regierungskandidat Viktor Janukowitsch am Mittwochnachmittag zum
offiziellen Sieger erklärt hatte, schien den Anhängern von
Oppositionskandidat Viktor Juschtschenko nur neuen Auftrieb gegeben
zu haben. Doch den scharfen Worten der Demonstranten folgten keine
gewalttätigen Aktionen, im Gegenteil: Der Widerstand war von einer
ausgesprochenen Höflichkeit geprägt.
Wut formte sich in Kameradschaft
Die eisige Kälte und das reichlich fließende Bier hätte die
friedliche Menschenmasse in einen wütenden Mob verwandeln können.
Doch in Kiew formte sich die Wut in Kameradschaft. Ein alter Mann mit
Fellmütze und abgetragenem Mantel tanzte auf dem
Unabhängigkeits-Platz ausgelassen, wenngleich ein wenig steif, vor
ein paar modischen Teenagern. Bekannte, die sich in der Menge
wiedererkannten, umarmten sich freudig. Von der Rednerbühnen schossen
bunte Laserstrahlen in den schwarzen Himmel und reflektierten an den
Schneeflocken.
In dieser Nacht zogen keine Pro-Janukowitsch-Demonstranten durch Stadt
Es gab immer wieder Angst vor Zusammenstößen von Regierungs- und
Oppositionsanhängern. Doch anders als in den vorangegangenen Tagen
zogen in dieser Nacht keine Pro-Janukowitsch-Demonstranten in die
Stadt. Und so schien sich die Anspannung wenige Stunden nach der
Erklärung der Wahlkommission in der kalten Luft aufzulösen, nach
Mitternacht leerte sich der Platz.
Obwohl das Regierungslager vor dem Gebäude der Wahlkommission mit
Wodka und Champagner auf den amtlichen Sieg anstieß, blieb die
Stimmung dort mürrisch. Konfrontationen mit den Demonstranten gingen
die Janukowitsch-Anhänger aus dem Weg.
Respekt gegenüber Sicherheitskräften
Bereitschaftspolizist Wache, als sich eine Demonstrantin näherte. Mit
einem schüchternen Lächeln bat sie, ihn Fotografieren zu dürfen.
Wenig später zog der Polizist seine schwarze Maske ab, um eine
angeregte, aber ruhige Diskussion mit Juschtschenko-Anhängern zu
führen. "Leute, ich muss hier meine Arbeit machen", erklärte er. "Ihr
müsst verstehen, dass ich hier bin. Die Verfassung verlangt, dass ich
die Rechtstaatlichkeit schütze." "Aber das Recht sollte für das Volk
sein", erwiderte ein Demonstrant mit heiserer Stimme. Höflich,
wenngleich ohne Einigung, debattierten die beiden einige Minuten
weiter.
Auch vom Schnee, der die Hügel Kiews in Rutschbahnen verwandelte,
ließ sich die Opposition eher ermuntern als dämpfen. Auf dem Weg vom
Präsidialamt zum Unabhängigkeitsplatz schlitterten einige
Demonstranten ausgelassen über eine Eisfläche, einer von ihnen
rutsche sogar auf dem Bauch. "Das war großartig", rief einer seiner
Freunde. "Juschtschenko, Juschtschenko!"
Kundgebung auch vor ukrainischer Botschaft in Wien: "Juschtschenko ist Präsident"
Anhänger des ukrainischen Oppositionsführers und
ehemaligen Premiers Viktor Juschtschenko haben am Mittwochabend in
Wien vor der Botschaft der Ukraine in Wien-Währing demonstriert. Nach
Angaben der Veranstalter nahmen 200 bis 250 Menschen an der
Kundgebung teil. Die Polizei sprach von 50 Demonstranten. Bei der
einstündigen Protestaktion habe es keine Zwischenfälle gegeben.
Die Kundgebung stand unter dem Motto "Juschtschenko ist
Präsident". Die Gruppe hat nach eigenen Angaben am Dienstag im
Bundeskanzleramt eine Petition übergeben, in der es hieß, der neue
Präsident der Ukraine dürfe ohne eine vorherige Untersuchung der
Wahlfälschungsvorfälle nicht anerkannt werden. Es sollte nur jener
Kandidat als Präsident anerkannt werden, der sich keiner Verletzung
der ukrainischen Gesetze schuldig gemacht habe. Ein Sprecher der
Gruppe sagte am Mittwochabend, man habe noch keine
Antwort aus dem Bundeskanzleramt erhalten. (APA/AP)