Design, das gilt

23. Februar 2005, 22:03
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Mit einer Auswahl von 2000 Objekten macht sich der deutsche Topgestalter Konstantin Grcic im Rahmen einer Ausstellung in Paris auf die Suche nach zeitloser Gültigkeit in Sachen Design

Man betritt die Ausstellung mit einer Frage: Handelt es sich um eine archäologische Grabung oder um ein Ikea-Lager? Probieren wir die erste Variante: Grobe Zäune grenzen Grabungsstellen ab. Der Besucher schreitet auf einer leicht erhobenen Plattform die einzelnen Grabungssektionen ab und blickt in die Gruben hinein. Was er entdeckt, hat nichts mit ferner Frühgeschichte zu tun. Aufgereiht wie Trophäen aus Vorzeiten werden da nur die Objekte der nahen Alltagsgeschichte: Richard Sappers Tizio-Leuchte, versponnen Barockes von Elizabeth Garouste und Mattia Bonetti und Klassiker des zeitgenössischen Designs von Ron Arad über Axel Kufus bis hin zu Philippe Starck. Kurz, was hier in einer Art Archäologie des Alltagslebens versammelt wurde, ist das Design der vergangenen 50 Jahre.

Zu sehen gibt's 2000 Exponate aus dem mehr als doppelt so viele Objekte zählenden Fundus des französischen Fonds national d'art contemporain (FNAC). "Design en stock" heißt die Ausstellung im Pariser Palais de la Porte Dorée, die der renommierte deutsche Designer Konstantin Grcic gestaltete. Dieser ist bekannt dafür, dass er Typologien durchbricht und neue, überraschende Formen für Altbewährtes findet.

In Paris hat er jetzt bewiesen, dass sich dieses Prinzip auf alles anwenden lässt, sogar auf Ausstellungen. Überzeugender und zugleich ironischer hätte man die Typologie der konventionellen Ausstellung, die durchsichtige und verstaubte Logik der Vitrine, nicht durchbrechen können. So ironisch aber, wie diese Herangehensweise auf den ersten Blick wirkt, ist sie letztlich gar nicht: Denn wer sich auf das Experiment einlässt, wird sehr schnell feststellen, dass dieses vergangene halbe Jahrhundert mitunter Äonen entfernt wirkt. Wer beispielsweise möchte allen Ernstes noch einen Alessi-Kessel in seiner Küche zur Schau stellen, geschweige denn damit Wasser kochen? Und doch hat der singende Kessel, den Michael Graves 1985 für die Italiener entwarf, bis weit in die 90er-Jahre hinein so gut wie auf keiner Hochzeitsliste gefehlt.

Design, so lautet die erste schnelle Lehre dieser Ausstellung, altert. Es stirbt im Werden. In den Konjunkturen des Konsums. Aber Lehren will "Design en stock" eigentlich gar nicht erteilen. Sie werden en passant gegeben. Vielmehr geht es darum, dem Besucher zu vermitteln, dass auch das Design längst seinen Platz im institutionellen Gedächtnis des Museums gefunden hat. Demonstriert wird, nach welchen Kriterien ein solches Gedächtnis wie die FNAC funktioniert. Deshalb ist die Ausstellung nicht herkömmlich chronologisch und auch nicht thematisch aufgebaut. Sie ist arrangiert entlang der Karteikarten der musealen Archivierung, wie sie in solchen Sammlungen üblich sind. Denn die 13 Sektionen entsprechen 13 Kategorien der Karteikarte jedes einzelnen Objektes.

Katalogisiert werden die Objekte nach ihrem Designer, nach dessen Nationalität, nach Objekttypus, nach Material und Technik; vermerkt werden aber auch Jahreszahlen, Farben, Dimensionen, Herstellungsorte oder Hersteller und etliche andere Kriterien mehr. Deshalb kann man den Gang durch die Ausstellung getrost mit der Kategorie "Designer" beginnen, wird dann aber schnell neue Wege durch das Labyrinth des Designs finden. Man wird sich anderen Sektionen widmen, beispielsweise den "Ensembles" oder der Sektion "Dimensionen". Sie zeigt Falt- bares, Stapelbares, Zusammenlegbares und selbst Aufblasbares.

Umgeben von serien und Varianten

Auch die komplette Sammlung der Vasen des Fonds, 300 an der Zahl, ist zu sehen. Dahinter steht die Idee, dass ein Objekt niemals allein ist. Es ist umgeben von Serien, Varianten und vermag einen festen Platz in der Geschichte nur zu finden, wenn es sich von seinen Brüdern und Schwestern auf irgendeine überzeugende Weise unterscheidet, wenn es seine immergleiche Funktion in einer einzigartigen Form erfüllt. Ein guter Designer erfasst den festen, zeitlosen Kern der Dinge, ohne dass er dabei unbedingt ein Apologet des reinen Funktionalismus wäre. Manchmal gelingt das sogar durch Witz. Beispielsweise bei der Windhundbank, der Whippet Bench der französischen Gruppe RADI, der auch der Österreicher Robert Stadler angehört, weil man, so absurd das klingen mag, auf dem Rücken der Windhunde zur Ruhe kommt. Andere Male gelingt es durch reine Funktionalität, man denke nur an die Elemente einer Bulthaup-Küche.

Die Ausstellung zeigt aber vor allem eins: Perfektes Design ist keine Frage des guten Geschmacks. Es hat etwas zu tun mit zeitloser Gültigkeit. Angesiedelt ist sie oftmals auf dem schmalen Grat zwischen reiner Spielerei und purem Funktionalismus. Rechts und links davon wird alle Ware bloßer Ramsch in Windeseile. (DERSTANDARD/rondo/Martina Meister/26/11/04)

Design en stock.
Bis zum 16. Februar
Palais de la Porte Dorée.
293, avenue Daumesnil
75012 Paris

Täglich
außer dienstags
von 10 bis 17.15

Katalog "Design & sic. Stocker
inventer classer"
Edition Medifa
Paris 2004
176 Seiten, € 25.
  • Artikelbild
    foto: pressingoline.com
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