Antikenstoff für ein Immigrantendrama

26. Dezember 2004, 22:28
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Das Krakauer Ludowy Teatr gastiert mit "Antigone in New York" im Künstlerhaustheater

Wislawa Szymborska (die polnische Nobelpreisträgerin) habe man vor wenigen Tagen noch bei einer Buchpräsentation gesehen, auch die Sciencefictionlegende Stanislaw Lem war unlängst hier, derzeit sei er aber verkühlt. Zu Lebzeiten war Czeslaw Milosz (der polnische Nobelpreisträger) zu Gast, alle waren da - Polanski, Kieslowski, Mrozek oder jünger: die Dichterin Olga Tokarczuk - im Literaturkabarett im "Keller unter dem Widder" am Krakauer Hauptplatz Rynek Glowny.

Die Vorstellungen in den unterirdischen Gewölben der legendären Bühne (sie war bei den Krakauer Tagen 2002 in der großen MQ-Halle zu Gast) sind bis ins Frühjahr hinein ausverkauft. Fast in allen Gaststätten der inneren Stadt führen unscheinbare Stiegen hinab in finstere Kunstkatakomben, wo zu vorgerückter Stunde geschauspielert oder gejazzt wird. Wenn das Theater auch sonst nichts zu verhindern weiß, so tut es dies hier doch beim U-Bahn-Bau (Krakau bleibt aufgrund des Untergrundlebens eine U-Bahn verwehrt).

Nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt belustigt das kto-Theatre derzeit seine Zuseher in der "Baracke" mit einer nonverbalen Bohumil-Hrabal-Szenenfolge, und nur wenige Meter vom "Widder" entfernt, direkt unterm Rathausturm, unterhält das Krakauer Volkstheater, Ludowy Teatr, eine seiner Spielstätten.

Das Ludowy ist ab heute zu Gast in Wien. Seine Heimstätte liegt inmitten der am kommunistischen Reißbrett entworfenen, schäbigen Wohnsilosiedlung im Krakauer Stadtteil Nowa Huta (neue Hütte). Hier sind die Wände dünn und die Heizkörper defekt. Wirklich wohlig wird es einem bei der an jenem Ort gezeigten Antigone in New York von Janusz Glowacki ohnehin nicht. Auf Einladung der Wiener Krakauer Kulturgesellschaft (Zofia Beklen) wurde die Koproduktion von Teatr Ludowy, vienna acts und dietheater Wien zweisprachig erarbeitet; die deutsche Fassung (übersetzt von Alissa Walser) ist ab heute im Künstlerhaustheater zu sehen (20 Uhr).

Der schon vor Jahrzehnten nach Amerika emigrierte Schriftsteller und Essayist Glowacki errichtet seine Antigone (1992) in der Obdachlosenszene eines New Yorker Parkareals. Die thebanische Königstochter ist hier eine puerto-ricanische Lumpenprinzessin namens Anita (kraftvoll: Marta Klubowicz), die ihren erfrorenen Geliebten vom Gefängnisfriedhof raubt, um ihn hinter einer nahen Parkbank "ehrenvoll", aber leider illegal zu begraben. Ihre Kollegen, der Pole Flo (quirlig: Gabriel Abratowicz) sowie der Russe Sascha, den Piotr Kuba Kubowicz felsenfest im urbanen Niemandsland positioniert, helfen ihr dabei.

Regisseur Piotr Szasza lässt dieses Drama der Bevormundung und Unterdrückung (den einzigen "Einheimischen", einen begrenzt charmanten Herrn der Exekutive, spielt Andreas Kosek) in voller sozialkritischer Pracht erblühen. Mit Patina, doch in all seinen Aussagen auf Herz und Nieren geprüft.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2004)

Margarete Affenzeller aus Krakau

Links

ludowy.pl

theatrekto.pl

  • Der Widerspenstigen Pause: Marta Klubowicz, Piotr Kubowicz, Gabriel Abratowicz und Andreas Kosek.
    foto: ludowy

    Der Widerspenstigen Pause: Marta Klubowicz, Piotr Kubowicz, Gabriel Abratowicz und Andreas Kosek.

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