Autor stellt Oskar Schindlers Rolle bei der Erstellung der "Liste" in Frage

1. Dezember 2004, 12:33
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David M. Crowe schrieb Biografie, die teilweise ein deutlich anderes Bild zeichnet als Spielbergs Film

New York - In einer neuen Biografie über Oskar Schindler werden Zweifel an dem Helden-Image laut, das dem sudetendeutschen Geschäftsmann für die Rettung von mehr als 1000 Juden vor den Nazis in einem Hollywood-Film verliehen wurde. Schindler habe mit der berühmten Liste mit Namen jüdischer Arbeiter seiner Fabrik in Krakau, die vor der Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz bewahrt wurden, "fast nichts zu tun gehabt", sagte der amerikanische Historiker und Sachbuchautor David M. Crowe der "New York Times".

Wie die Zeitung am Mittwoch berichtete, bringe dessen sorgsam recherchierte Biografie "Schindlers dunkle Seite" zum Vorschein. Dazu gehöre, dass der Mann, den Hollywood-Regisseur Steven Spielberg 1993 in seinem später Oscar-gekrönten Film "Schindlers Liste" als Helden würdigte, "ein Spion für die deutsche Spionageabwehr" gewesen sei. Eine "Liste Schindlers" habe es nicht in dem Sinne gegeben, wie der Film sowie ein 1982 erschienener Roman von Thomas Keneally dies darstellten, legt Crowe nach Angaben der "New York Times" in der Biografie dar.

Legende, Wahrheit und Ausschmückungen

Der Autor bestätige allerdings, dass sich Schindler tatsächlich für die Rettung von Juden eingesetzt habe. Jedoch sei Crowe zufolge die "Legende" von der Liste "teilweise durch Schindler selbst aufgebracht worden, um sein Heldentum auszuschmücken". In dem Spielberg-Film händigt der von Liam Neeson gespielte Schindler dem Verwalter seiner Emaillefabrik in Polen eine Liste mit Namen von Juden aus, die in Sicherheit gebracht werden sollen. Crowe lege nun dar, dass Schindler zu dieser Zeit in Wirklichkeit wegen des Versuchs der Bestechung des SS-Kommandanten Amon Göth (im Film von Ralph Fiennes dargestellt) im Gefängnis gesessen habe.

In Wirklichkeit habe es insgesamt neun Namenslisten gegeben, erklärt Crowe. Die ersten vier seien hauptsächlich von dem bestechlichen jüdischen Polizisten Marcel Goldberg zusammengestellt worden. Schindler habe dafür zwar einige Namen empfohlen, berichtetet die Zeitung unter Berufung auf Crowe, jedoch habe er die meisten Menschen auf diesen Listen gar nicht gekannt. Wer die anderen fünf Namenslisten zusammengestellt habe, sei nicht bekannt. Die Biografie ist jetzt unter dem Titel "Oskar Schindler: The Untold Account of His Life, Wartime Activities and the True Story Behind the List" im US-Verlag Westview Press erschienen.(APA/dpa)

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