PISA-Leiter Haider: Österreich ist Mittelmaß

10. Dezember 2004, 13:07
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Trotz hoher Investitionen ins Bildungssystem ortet Haider Schwächen - "Überbewertung der Leistungsbeurteilung" und zu frühe Selektion seien der Grund

"Nur internationales Mittelmaß" bescheinigte der Erziehungswissenschafter und Leiter des österreichischen PISA-Zentrums, Günther Haider, am Mittwoch bei einer Bundesrats-Enquete zum Thema "Schule und Bildung" den österreichischen Schülerleistungen - und dies trotz hoher Investitionen in das Bildungssystem. Leistungsschwächen ortete er vor allem im anspruchsvollen kognitiven Bereich.

Zu kurzfristig

Wesentlich bessere Ergebnisse bei internationalen Vergleichsstudien würden die Schüler aus Skandinavien, den Niederlanden, Kanada, Australien und Neuseeland erzielen, so Haider. Ein Teil der mäßigen Leistungen erkläre sich aus der mangelnden Nachhaltigkeit des Unterrichts, hervorgerufen durch die "Überbewertung der Leistungsbeurteilung". Im österreichischen Unterricht käme kurzfristigen Lernepisoden bis zur nächsten Schularbeit die größte Bedeutung zu. Die langfristige Sicherung der Kompetenzen gerate dabei ins Hintertreffen.

Wenig Kreativität

Die Schwächen der Schüler lägen vor allem dort, wo es gelte, anspruchsvollere Aufgaben zu lösen, sagte Haider - etwa wenn es um das "Verstehen komplexer Zusammenhänge", um das "Interpretieren von Daten" und um das "Argumentieren und Schlüsse ziehen" gehe. Besonders schwer falle es ihnen, ein Problem unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten, nach alternativen Lösungen zu suchen und triftige Argumente für Meinungen und Gegenmeinungen zu finden.

Soziale Herkunft ausschlaggebend

Etwa ein Fünftel der 15- bis 16-Jährigen stufte Haider als schlechte Leser und schlechte Mathematik-Schüler ein - das seien zwei- bis drei Mal so viele wie in den besten PISA-Ländern. Hauptbetroffen seien Burschen. Wegen dieser Schwächen wäre dieser Gruppe ein weiterer selbstständiger Bildungserwerb kaum möglich. Der Förderunterricht wiederum sei offensichtlich nicht in der Lage, diese Defizite zu kompensieren.

In Österreich sei auch der Einfluss des sozioökonomischen Status der Eltern auf die Leseleistung ihrer Kinder besonders ausgeprägt, so Haider: Dadurch hätten Kinder aus einem benachteiligten sozialen Milieu bei gleicher Befähigung deutlich geringere Chancen, was durch die frühe Selektion in AHS-Unterstufe und Hauptschule im Alter von zehn Jahren und mangelnde individuelle Förderung noch verstärkt werde. Gleichzeitig seien aber auch innerhalb gleicher Schularten (etwa AHS) regional große Leistungsunterschiede festzustellen.

Individuelle Förderung

m Ausland werde etwa vor allem die starke individuelle Förderung von Kindern in relativ heterogenen Gruppen erfolgreich praktiziert, meinte Haider. Davon profitierten schwächere Schüler genauso wie überdurchschnittlich begabte. Es sei einfach falsch, dass Schülergruppen, die durch Notendruck und Auslese homogen gehalten würden, die besten Leistungen erbrächten. Weitere Erfolgsfaktoren seien außerdem Bildungsstandards für alle Schüler und das flächendeckend vorhandene Betreuungsangebot etwa in Ganztagsschulen.

Nationale Kraftanstrengung

Reagieren müsse Österreich laut Haider konsequent, rasch und vor allem über die ideologischen Grenzen hinaus in einer "gemeinsamen nationalen Kraftanstrengung". Die Umsetzung bildungspolitischer Reformen nehme nämlich zwei bis drei Legislaturperioden in Anspruch. Der bisherigen Schulentwicklung seit 1962 erteilte Haider ein schlechtes Zeugnis - verantwortlich dafür sei die Bindung an eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit, durch die nur kleine Verbesserungen möglich wären. (apa)

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