Der letzte größere Urwald Mitteleuropas liegt in Niederösterreich

25. Februar 2005, 10:28
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Das "Goldplatzl" des Barons Rothschild: Das 277 Hektar große Gebiet am Fuße des Ötschers wurde nie geschlägert

Im "Wildnisgebiet Dürrenstein" liegt der letzte größere Urwald Mitteleuropas: Albert de Rothschild erwarb 1875 unter anderem das 277 Hektar große, nie geschlägerte Gebiet am Fuße des Ötschers. Seither wird es bewahrt.

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Ihr Großvater sei, sagt Bettina Looram, ein Visionär gewesen. Denn Salomon Albert Anselm Freiherr von Rothschild ist es zu verdanken, dass der letzte Urwald in Österreich, insgesamt 277 Hektar, nicht gerodet wurde. Es gibt zwar noch einen zweiten, weit kleineren Urwald: am Lahnsattel zwischen Mariazell und Mürzsteg, der den Hoyos gehört. Aber er liegt mehr oder weniger an der Straße, und jeder kann ihn erwandern.

Das jungfräuliche Gebiet im Rothwald nahe des Ötschers hingegen ist fernab der Zivilisation. Man muss schon zwölf Kilometer gehen, um es zu erreichen. Was niemand will: Der Urwald soll bleiben, wie er sich seit der Eiszeit entwickelt hat. Und so werden die Bäume - Fichte, Tanne, Buche bilden die "natürliche Waldgesellschaft" - bis zu 600 Jahre alt. Dann können sie morsch noch ein Jahrhundert stehen, bis sie meist vom Sturm umgeworfen werden. Kreuz und quer liegen die Stämme, über die sich nun die "Totholzbewohner" hermachen, darunter der Alpenbock, ein ganz spezieller Käfer. 36 Ameisenarten hat man gezählt, 650 höhere und tausende kleine Pilze.

Patriotischer Stolz

Die Forstindustrie AG hätte auch vor diesem Rest unberührter Natur nicht Halt gemacht. Aber die Holzgewinnung stellte sich im unzugänglichen Gebiet weit kostenintensiver als gedacht heraus: Das französische Unternehmen ging 1875 nach nur sechs Jahren in Konkurs. Und Albert de Rothschild kaufte mit durchaus patriotischem Stolz das österreichische Kernland. Und weil der Bankier, der die Langau vor allem für die Jagd nutzte, nebenbei ein passionierter Botaniker war, beschloss er, den Urwald unangetastet zu lassen: Ein romantisch-malerisches Fleckchen nannte er das "Goldplatzl".

Nach seinem Tod 1911 wurden die Ländereien, die von Gaming bis zur steirischen Grenze reichten, zwischen den beiden Söhnen aufgeteilt. Aber auch Alphonse de Rothschild, Erbe der Langau, achtete den Wunsch seines Vaters, den Urwald zu belassen.

1938 verloren die Rothschild, die in die USA flohen, alles: Die NS-Machthaber konfiszierten die Bank, die Palais, die Kunstwerke. Und 1942 stellten sie den Urwald unter Naturschutz. In der Nachkriegszeit erhielt die Familie ihre Besitztümer zurück, so auch den Rothwald. Aber er hatte nur mehr ideellen Wert: Es war ihnen per Gesetz untersagt, ihn wirtschaftlich zu nutzen. Für diese Quasienteignung wurden die Rothschilds nie entschädigt. Es macht aber einen Unterschied, ob man freiwillig den Urwald sichert - oder dazu gezwungen wird.

"Wildnisgebiet Dürrenstein"

Der Erhalt war Bettina Looram, die als einziges Mitglied ihrer Familie nach Österreich zurückkehrte, dennoch ein Anliegen: Zusammen mit der niederösterreichischen Landesregierung wurde 1988 eine Pufferzone rund um den Urwald angelegt, und 1997 kam noch ein weiteres Gebiet hinzu: Die Rothschilds blieben zwar Eigentümer, verzichteten aber auf den Fruchtgenuss und wurden mit 6,84 Millionen Euro entschädigt.

2001 entstand schließlich das 2400 Hektar große "Wildnisgebiet Dürrenstein": Es besteht aus dem Rothwald und der Hundsau der Bundesforste im Westen. Die Eingriffe beschränken sich auf das Wildtiermanagement und eine partielle Almwirtschaft. Regelmäßig werden Exkursionen angeboten (wenn auch nicht in den Urwald, der nur dem Wild, den Bären und den Wissenschaftlern offen steht): Die Wanderungen kosten meist zehn Euro für Erwachsene.

Es besteht zudem die Idee, das Naturwaldreservat am Zellerhut (216 Hektar) um den 400 Hektar großen Oiswald zu erweitern, in dem 50 verschiedene Orchideen wachsen. Er wurde vor 200 Jahren ein einziges Mal geschlägert und seither nicht mehr angetastet. Die Rothschilds stehen nun, wie Forstmeister Johannes Doppler erklärt, vor der Alternative, eine Straße anlegen und den Wald wirtschaftlich nutzen - oder eben nicht. Den Nutzungsverzicht will man aber abgegolten wissen. Derzeit aber scheitert das Projekt an der Finanzierbarkeit, so Christoph Leditznig, Geschäftsführer des Wildnisgebietes. (Thomas Trenkler/DER STANDARD; Printausgabe, 24.11.2004)

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    grafik: schutzgebietsverwaltung
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