Prestigeprojekt Raumflug

1. Dezember 2004, 12:41
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Weltraumbahnhof in Baikonur wird renoviert: Mit umweltfreundlichen Raketen startet Kasachstan eigenes Raumfahrtprogramm

Baikonur/Wien – Großprojekt in Baikonur: Der Weltraumbahnhof in den Steppen Kasachstans wird renoviert. Wo einst Yuri Gagarin als erster Mann ins All startete, röhren demnächst die Baukräne. Der Hintergrund sind Kasachstans ehrgeizige Weltraumpläne: Künftig will das Land mit eigenen Projekten präsent sein, anstatt das Gelände bloß an die russische Raumfahrtagentur zu verpachten.

"Bis 2005 wollen wir unseren eigenen Telekommunikationssatelliten im All haben", sagte Meirbek Moldabekow, Vizechef des kasachischen Raumfahrtprogramms, im Gespräch mit dem Standard. Zudem wolle man eigene Kosmonauten für bemannte Raumflüge ausbilden. Sonden zur Erforschung der Erde seien geplant, Monitoring von Bodenschätzen sowie umweltfreundliche Trägerraketen. "Außerdem werden wir drei Bodenzentren für die Lenkung von Raumflügen ausbauen", sagte Moldabekow.

Die neuen Pläne des flächenmäßig neuntgrößten Landes der Welt resultieren aus der Geschichte: Zu Sowjetzeiten sei der größte Weltraumbahnhof quasi eine russische Enklave gewesen. Die ortsansässigen Kasachen galten für die Russen als "für Weltraumflüge untauglich", erinnert sich Moldabekow: "Sie spotteten über uns und sagten: "Hier kommen die Meister." Und sie vertrauten uns nicht. Wir wurden nicht in die Allforschung einbezogen."

Seit Kasachstan zunehmend an wirtschaftlichem Profil gewinnt, seien solche "Alltagsgespräche" jedoch beendet, erklärt der Wissenschafter. Seit der Unabhängigkeitserklärung 1991 verkauft Kasachstan Öl und Bodenschätze an die USA und Europa. Dadurch ist das Bruttoinlandsprodukt in den letzten vier Jahren um 40 Prozent gestiegen. Die Unabhängigkeit brachte Neuverhandlungen über die Benutzung von Baikonur. 1994 wurde ein Pachtvertrag geschlossen, nach dem Russland 87 Millionen Euro jährlich Nutzungsgebühr zahlt. Keine Seite war jedoch so recht zufrieden: Kasachstan wollte mehr Geld, und auf russischer Seite sah man nicht immer ein, warum man überhaupt zahlen sollte.

"Columbia"-Absturz

Seit dem Absturz des US- Raumschiffs "Columbia" ist Baikonur das einzige Tor zur Internationalen Raumstation ISS, weil die Amerikaner nur mit russischen Sojus-Kapseln hinkommen. Kasachstan will daher selbst vom Areal auf seinem Boden profitieren. Im Jänner verlängerte der mittelasiatische Staat den Pachtvertrag für die Russen bis 2050 unter der Bedingung, stärker in die Weltraumforschung eingebunden zu sein und Baikonur mit gemeinsamen Geldern zu modernisieren.

Erster Gegenstand der Kooperation ist die Auswechselung der alten Proton-Trägerraketen durch den neuen Typ Angara und den Raketenschusskomplex vom Typ Baiterek. Das russisch-kasachische Projekt soll ab 2005 zum Einsatz kommen. Der Raketentyp wird durch ein Sauerstoff-Wassersoff-Kerosin-Gemisch angetrieben, das weniger toxisch ist als das bisher verwendete Kerosin. Umweltschützer hatten jüngst immer lauter gegen Raketenmüll und Luftverschmutzung protestiert. Der Raketenkomplex "soll die Luft über dem Steppengebiet wieder verbessern".

Der geplante Telekommunikationssatellit soll die wirtschaftliche Potenz des Landes weiter stärken: "Es ist eine Frage der Sicherheit, der Informationssicherheit. Wir gehen davon aus, dass das Projekt sich in drei Jahren amortisiert." Derzeit zahle Kasachstan für Wellenlängen bei westlichen Satelliten 23 Millionen Euro im Jahr.

Hightech-Strategie

Das zunächst für drei Jahre angelegte Projekt wird Kasachstan insgesamt 260 Millionen Dollar kosten. "Wir verfolgen damit eine Strategie, von der Rohstoffabhängigkeit abzukommen und uns in Richtung Hightech zu entwickeln." Dass die Früchte solcher Strategien nur von einer kleinen Oberschicht geerntet werden könnten, will Modabekow nicht sehen: "Immerhin werden unsere Entwicklungen eine Menge neuer Arbeitsplätze schaffen."

Die Verwirklichung der Weltraumpläne festigt die Position des aufstrebenden Landes mit einer zusätzlichen Portion Prestige. In Zusammenarbeit mit den Russen werden bereits Forschungsprojekte für bemannte Raumflüge erarbeitet. Allerdings: "Einen eigenen bemannten Mondflug planen wir derzeit noch nicht," räumt Moldabekow ein: "Dazu haben wir nicht die Technik. Man kann Russland und Kasachstan auch nicht vergleichen. Russland ist eine Großmacht auf diesem Gebiet, während Kasachstan erst bescheidene Anfänge hat." Diese Anfänge sollen das Land vor allem insgesamt unabhängiger machen. (Eva Stanzl, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2004)

Meirbek Moldabekov, geboren 1947 in Tyumen-Aryk, ist Vizechef der kasachischen Weltraumagentur in Baikonur, Doktor der Ingenieurswissenschaften und Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Republik Kasachstan.
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