15.000 Anleger verlangen Schadenersatz

1. Dezember 2004, 14:28
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In Frankfurt begann einer der größten Prozesse in der deutschen Geschichte. Zum Auftakt stimmt der Richter einem Anklagepunkt ausdrücklich zu

Frankfurt/Berlin - Es ist in jeder Hinsicht ein Mammutverfahren: Die Anwälte bildeten eine schier nicht enden wollende Karawane, die sich am Dienstag in den Saal Nummer 165 des Frankfurter Landgerichtes bewegte. Sie vertreten 15.000 Kleinanleger, die Telekom-Aktien vor dem massiven Kursrutsch gekauft haben. Insgesamt geht es um Schadenersatzansprüche von hundert Millionen Euro. Die Anleger werfen dem Konzern vor, den Wert der Immobilien als zu hoch eingeschätzt zu haben. Sie berufen sich dabei auf Angaben in den Börsenprospekten der Jahre 1999 und 2000 der Telekom.

Erster Sieg für die Kläger

In diesem entscheidenden Punkt bekamen die Kläger überraschenderweise bereits zum Prozessauftakt recht: Richter Meinrad Wösthoff sagte, die Ermittlung des Wertes mehrerer zehntausend Immobilien über ein so genanntes Clusterverfahren habe nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprochen. Die Telekom hatte den Wert von mehreren zehntausend Immobilien nicht wie vom Gesetz geboten einzeln ermittelt, sondern gleichartige Grundstücke und Gebäude zu Gruppen - Cluster - zusammengefasst und die Vermögenswerte in Summe errechnet. Nach Einschätzung des Richters hätte die Telekom von der vorgeschriebenen Einzelbewertung nicht abweichen dürfen.

Allerdings sagte der Richter damit noch nicht, dass diese Bewertungsmethoden zu falschen Ergebnissen geführt haben. Die falsche Methode müsse "nicht automatisch zu einem falschen Wert" führen. Den Beweis dafür müssen nun vielmehr die Kläger erbringen. Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger sieht diesen Punkt als schwierig zu erfüllen an. Ein detailliertes Gutachten dazu würde nach bisherigen Schätzungen rund 17 Millionen Euro kosten.

Pauschale Wertberichtigung

Die Anlegeranwälte meinten, dass ihre Mandanten auf die riskante Methode hätten hingewiesen werden müssen. Hier gab ihnen das Gericht Recht: Sicher sei, dass in dem Verkaufsprospekt von der Methode keine Rede gewesen sei. Die Telekom hatte zu einem späteren Zeitpunkt eine pauschale Wertberichtung von zwei Milliarden Euro vorgenommen, was die Schutzgemeinschaft als belastendes Indiz wertet.

Um überhaupt ein geordnetes Verfahren durchführen zu können, hat der Richter zehn Pilotverfahren ausgesucht, über die zunächst ausschließlich verhandelt wird. Die Fälle enthalten nach Auffassung des Gerichts alle wichtigen rechtlichen Probleme. Die meisten der Einzelkläger oder Klagegemeinschaften wollen erreichen, dass die Telekom als Schadenersatz ihre Aktien zum Emissionspreis von 63,50 Euro zurückkauft. Derzeit sind die Telekom-Aktien nur noch rund 16 Euro wert.

Klage gegen Republik

Neben der Telekom ist auch die Bundesrepublik mit ihrer Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beklagt. Sie hatte 15 Milliarden Euro aus dem Börsengang erlöst. Einige Kläger haben sich auch die Konsortialführerin Deutsche Bank und den damaligen Telekom-Chef, den Österreicher Ron Sommer, als Gegner ausgesucht. Die Telekom hat bisher erklärt, dass die Bewertung der Immobilien fehlerlos und der Kursrutsch der T-Aktie an der Börse von externen Faktoren bestimmt gewesen sei. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2004)

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    Der Vorsitzende Richter Meinrad Wösthoff eröffnete am Dienstag im Frankfurter Landgericht das Mammutverfahren enttäuschter Kleinanleger gegen die Deutsche Telekom.

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