Pleiten: Österreich auf dem "Stockerl"

14. Februar 2005, 17:57
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Internationale Pleitenstatistik: Im ersten Halbjahr 2004 wiesen nur Ungarn und Slowakei eine höhere Insolvenzquote als die Alpenrepublik auf - Mit Infografik

Wien - Im ersten Halbjahr 2004 schlitterten in Österreich - gemessen an der Zahl der aktiven Unternehmen - mehr Firmen in die Insolvenz als sonst wo in Westeuropa. Auch im internationalen Vergleich wiesen nur Ungarn und die Slowakei höhere Werte auf, teilte der Kreditschutzverband von 1870 (KSV) am Dienstag mit. In absoluten Zahlen wurden 3.097 heimische Unternehmen zahlungsunfähig, um 16,9 Prozent mehr als in den ersten sechs Monaten 2003. Die Insolvenzrate lag in Österreich bei 1,8 Prozent, verglichen mit 2,1 Prozent in Ungarn und 1,9 Prozent in der Slowakei.

KSV kritisiert Strafbehörde

Als Grund für das "österreichische Insolvenzdebakel" führt der KSV vor allem die mangels Masse abgewiesenen Konkurse an. Zwei Drittel dieser Konkurse haben nach Einschätzung der Kreditschützer einen strafrechtlich relevanten Hintergrund, allerdings weigerten sich die heimischen Strafbehörden weiterhin, diese zu untersuchen, da sie einen konkreten Tatverdacht für eine staatsanwaltliche Vorerhebung bzw. -untersuchung benötigen. "Prinzipiell muss man sich die Frage stellen, wie viel mehr konkreten Tatverdacht man braucht. Wenn jemand pleite geht und nicht einmal mehr genug Geld für das Verfahren aufgebracht werden kann, kann das doch sicherlich nicht mehr als bloße Ungeschicklichkeit oder Unerfahrenheit in geschäftlichen Angelegenheiten bewertet werden", kritisiert der Insolvenzexperte des KSV, Hans-Geog-Kantner.

In der Insolvenzstatistik der EU (inklusive Schweiz und Norwegen) belegt Österreich den traurigen Spitzenplatz, gefolgt von Frankreich und Deutschland mit einer Insolvenzrate von jeweils 1,4 Prozent und den Niederlanden mit 1,3 Prozent, sowie Belgien mit 1,2 Prozent. Die Länder mit den geringsten Firmenpleiten waren im ersten Halbjahr Spanien mit 446 (-5,1 Prozent) bzw. einer Rate unter 0,1 Prozent, Griechenland mit (geschätzt) 375 Insolvenzen bzw. einer Rate von 0,1 Prozent und Irland mit 139 zahlungsunfähigen Firmen bzw. 0,2 Prozent.

Starker Anstieg in Portugal

Kräftig zugenommen haben die Pleiten im ersten Halbjahr 2004 in Belgien (+8 Prozent), den Niederlanden (+10,9 Prozent), der Schweiz (+10,9 Prozent) und vor allem Portugal, wo mit 1.693 Insolvenzen ein Plus von 42,5 Prozent verzeichnet wurde. Allerdings liegt Portugal mit einer Insolvenzquote von 0,8 Prozent deutlich hinter dem europäischen Durchschnitt. Die übrigen drei Länder befinden sich laut KSV als Nachbarländer im Sog der deutschen Wirtschaftsflaute.

Die negativen Konjunkturdaten 2003 schlugen mit einer Zeitverzögerung im ersten Halbjahr 2004 durch. Österreich profitiere zwar von seinem Osteuropa-Engagement, könne sich aber von der deutschen Entwicklung nicht völlig abkoppeln. Deutschland rechnet für 2004 - trotz stagnierender Insolvenzzahlen im ersten Halbjahr - mit einem neuen Rekord an Unternehmenspleiten.

80.095 Pleiten in Westeuropa im 1. Halbjahr

Die hohen Insolvenzzahlen in Ungarn und der Slowakei könnten im Gesamtjahr noch steigen, so der KSV. In Tschechien (Insolvenzquote: 0,2 Prozent) werde ein neues Insolvenzrecht vorbereitet, daher müsse mit einem Rückstau an Insolvenzfällen gerechnet werden. Bei Ländern wie Bulgarien oder Polen zeige die geringe Zahl der Insolvenzen kein repräsentatives Bild. Dort habe das Insolvenzgeschehen noch gar nicht begonnen, meint der KSV. Das Wirtschaftswachstum von mehr als 4 Prozent gewähre aber Spielraum, um eventuelle erforderliche Unternehmenssanierungen in die Zukunft zu schieben.

Insgesamt wurden in Westeuropa im ersten Halbjahr 80.095 (1-6/2003: 80.052) Unternehmen zahlungsunfähig, in Osteuropa waren es 16.508 nach 13.669. In den USA stieg die Zahl der Pleiten um 3 Prozent auf 21.100 (Quote: 0,2 Prozent), während sie in Japan um 19,3 Prozent auf 7.256 sank. (APA)

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