Der Schutzwald wird zurückgebissen

25. Februar 2005, 10:28
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Ohne Schutzwälder wären weite Teile unbewohnbar - Sie sind aber unwirtschaftlich, ein Drittel ist sanierungsbedürftig

Ohne Schutzwälder wären weite Teile Österreichs unbewohnbar. Schutzwälder sind aber unwirtschaftlich, weshalb ein Drittel von ihnen sanierungsbedürftig ist. Die größten Schäden werden durch einen zu hohen Rotwildbestand verursacht.

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350 Millionen Euro im Jahr ersparen sich die heimischen Steuerzahler, weil Schutzwälder Siedlungsräume und Infrastruktur vor Lawinen, Muren und Hochwässern schützen, hat VP-Klubobmann Wilhelm Molterer noch als Landwirtschaftsminister seinerzeit errechnet. Wo es keinen Wald (mehr) gibt, müssen im Gebirge technische Verbauungen den Schutz übernehmen, und die kosten im Schnitt für einen Hektar 40.000 Euro.

Von den 1,2 Millionen Hektar Wald in Österreich gelten 450.000 Hektar als Schutzwald, präziser als Objektschutzwald, weil sich unterhalb Gebäude, Straßen, Brücken befinden. Daneben gibt es noch den Standortschutzwald, dessen Funktion im Wesentlichen darin besteht, sich selbst und darunterliegende Wälder zu schützen.

Das Problem bei den (Objekt-)Schutzwäldern ist ihre mangelnde Wirtschaftlichkeit. Die Holzbringung im steilen Gelände ist nicht nur gefährlich, sondern auch teuer. Meistens lohnt es sich nicht mehr, weshalb viele Schutzwälder überaltert sind und an Widerstandskraft verlieren, skizziert Herbert Scheiring ein Szenario, das in Tirol die Mehrzahl der Menschen existenziell betrifft.

Scheiring war von 1970 bis 1992 Tirols Forstdirektor und hat nach seiner Pensionierung federführend am Bergwaldprotokoll der Alpenkonvention gearbeitet.

Zu viel Wild im Wald

Der Gedanke, dass Wälder sich in einem natürlichen Prozess aus sich heraus verjüngen und damit erneuern, ist leider nur Theorie. Das wichtigste Hindernis: Im Interesse der Jagd sind viele Reviere mit einem Überbestand an Rotwild belastet. Rehe und Hirsche fressen grüne Triebe, bis sie satt sind. "Die Verjüngung wird zurückgebissen", formuliert es Scheiring. Verschärfend wirkt, dass das Wild auch noch Tanne, Bergahorn und Buche gegenüber Fichte bevorzugt.

Bemühungen, standortgerechte Mischwälder zu entwickeln, werden damit häufig zerstört. Das Rotwild knabbert aber nicht nur frische Triebe, sondern auch an den Rinden erwachsener Bäume, und kein Baum verträgt das schlechter als die Fichte. "Der Jäger bestimmt das Aussehen des Waldes mehr als der Förster", fasst Scheiring zusammen.

Neben zu hohen Wildbeständen setzt der Verjüngung auch die so genannte Waldweide massiv zu - auch Rinder finden Geschmack an frischen Trieben. Damit nicht genug, tragen noch eine Vielzahl anderer menschlicher Handlungen zum Leiden der Schutzwälder bei: Stickoxide aus dem Verkehr, erodierende Böden, die Ozonbelastung, Klimaänderungen.

Ein Drittel der Schutzwälder ist sanierungsbedürftig, gleich zwei Drittel haben ein Verjüngungsproblem. In die bundesweit koordinierten Sanierungsprogramme fließen jährlich rund 20 Millionen Euro, erklärt Gerhard Mannsberg, Sektionschef im Landwirtschaftsministerium. Rund die Hälfte davon sind Bundesmittel, der Rest verteilt sich auf EU- und Landestöpfe. Das Ergebnis der Bemühungen: "Stabilisierung auf schlechtem Niveau".

Gegen den Vorwurf, indirekt die Jagd zu subventionieren, wehrt sich Mannsberg. Die Gelder würden nicht in "teures Wildfutter" fließen, gefördert würden nur Projekte, wo vorher am runden Tisch mit allen Beteiligten "das Jagdproblem gelöst ist". Dazu zählen nicht nur höhere, sondern auch gezieltere Abschüsse im Sanierungsgebiet selbst.

Noch in den Kinderschuhen steckt ein Ansatz, den Scheiring für das Bergwaldprotokoll entwickelt hat. Das Produkt "Schutz vor Naturgefahren" hatte bisher nur einen hohen Wert, aber keinen Preis. Künftig könnten Waldbesitzer, die mit eigenen Bemühungen Mindeststandard in ihrem Schutzwald einhalten, dafür Prämien erhalten. Scheirings Modell wird derzeit in kleinen Gebieten getestet, erklärt dazu Mannsberg. Bis zur Ablöse der Sanierungs- durch die Erfolgsförderung sei es aber noch ein langer Weg. (Hannes Schlosser/DER STANDARD; Printausgabe, 23.11.2004)

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