Huber fährt Bauwirtschaft an den Karren

1. Dezember 2004, 20:08
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Der Bahnchef sucht mehr Beschäftigung für die Eisenbahner und will sie in der Bauwirtschaft finden

Semmering - Zweiundzwanzig Tage nach seinem Antritt als ÖBB-Holdingchef fährt Martin Huber der Bauwirtschaft und damit seinem früheren Arbeitgeber Porr AG an den Karren.

Um die Überkapazitäten im Personalbereich in den Griff zu bekommen - laut Rationalisierungsprogramm Power 2005 sollen es bis 2010 rund 12.000 Eisenbahner weniger sein - will Huber künftig am freien Markt als Bauunternehmer auftreten.

Erster Schritt ist die Gründung einer ÖBB-Baufirma, die sich mit 20 bis 40 Prozent der zur Infrastruktur Betrieb AG gehörenden 6000 bis 8000 ÖBB-Bauarbeiter um Aufträge bewerben will.

Öffentliche Hand als Auftragsgeber

Chancen bei der Auftragsvergabe wittert der Neobahnchef insbesondere in den Bereichen der öffentlichen Hand. Den Startschuss kündigte Huber bei der Jahrestagung des Verbands der Öffentlichen Wirtschaft für Mitte nächsten Jahres an.

Dass aus der Industrie ob solcher Konkurrenz aus der Staatswirtschaft ein Aufschrei kommen dürfte, lässt Huber kalt: "Ich werde vor der Industrie sicher nicht erschauern. Wir können in der ÖBB keine blauen Briefe verschicken, also muss ich das machen, was im Interesse der Beschäftigten liegt."

Damit sind die Ziele klar: Effizienz erhöhen, Erträge steigern, neue Einnahmen lukrieren. Letzteres ist insbesondere im Güterverkehr ein Gebot der Stunde, "denn dort treten wir gegen die Straße an". Daher dürfe man sich "nicht auf das reine Kilometer-Fahren beschränken", sondern müsse Logistik-Pakete anbieten.

Mobilmachung

Aktivitäten gibt es auch im ÖBB-Immobilienbereich, der mit 26.000 Liegenschaften und 219 Millionen Quadratmetern zu den größten in Österreich gehört. Diese teils in besten Lagen befindlichen Immobilien sollen lukrativ verwertet werden.

Infrage kommen dafür freilich nicht die 160 Mio. m2 entlang des Schienennetzes, sondern nur die rund 60 bis 70 Mio. m2 an nicht betriebsnotwendigen Grundstücken und Gebäuden. Verwertung heiße nicht unbedingt Verkauf, betonte Huber, sondern zunächst Entwicklung. "Die Hebung der Potenziale werden wir sicher nicht Dritten überlassen."

Frühpensionierungen notwendig

Ohne Frühpensionierungen, wie sie im ÖBB-Gesetz 2003 als Mittel zum Personalabbau vorgesehen sind, wird die neue Bahn freilich trotzdem nicht auskommen. Auf Zahlenspiele über das große Köpferollen will sich Huber jedoch nicht einlassen, solange die ÖBB-Strategie nicht feststehe.

Das soll, wie berichtet, im Februar der Fall sein. Da die Politiker Frühpensionierungen grundsätzlich nie ausgeschlossen hätten, werde man davon auch Gebrauch machen. Dazu sei man im Rahmen der aktienrechtlichen Verantwortung verpflichtet.

Eisenbahnergewerkschaftschef Willi Haberzettl will "die Personalfrage erst dann diskutieren, wenn klar definiert ist, wohin sich die ÖBB bewegen wird". (ung, DER STANDARD Printausgabe, 23.11.2004)

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