Wie Artikel entstehen

22. März 2005, 13:50
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Fünf Karrierejournalisten europäischer Qualitätszeitungen gaben beim STANDARD-Praxisforum Einblick in ihren beruflichen Alltag

"Mich interessiert alles, was ich selbst gemacht habe oder machen wollte", sagte Alexander Ross, freier Journalist unter anderem der Financial Times Deutschlands und Karriere-Kolumnist des Berliner Tagesspiegel, vergangene Woche beim STANDARD-Praxisforum auf der Personal Austria. Er und vier weitere Kolleg erörterten vor HR-ManagerInnen "Was Karriere- und BildungsjournalistInnen interessiert".

Eine gute Geschichte entstehe "aus dem Dialog mit Leuten, die wirklich etwas zu sagen haben", stellt Hans-Herbert Holzamer, Chef aller Beilagen der Süddeutschen Zeitung, fest.

Mit 15 Jahren relativ jung ist die Geschichte der Karriereberichterstattung in Ungarn, denn so Szilvia Hamor: "Im Sozialismus gab es keinen Wettbewerb." Die Wirtschaftsjournalistin, die auch regelmäßig Artikel für die Karrierebeilage der größten ungarischen Qualitätstageszeitung Nepszabadsag verfasst, bezieht ihre Infos "aus mehreren Quellen". Sie lese die neuesten bildungspolitischen und wirtschaftlichen Untersuchungen, besuche Konferenzen und lasse sich von Unternehmern und Bekannten inspirieren.

Vor 15 Jahren startete auch die Karriere-Beilage der Süddeutschen. "Früher hatten wir 240 Seiten Stellenanzeigen", erinnert sich Holzamer, "heute liegen wir bei einem Zehntel dessen." Daraus resultiere auch permanente Platzknappheit für redaktionelle Inhalte.

Wirtschaft im Wandel

Seit vier Jahren informiert Peter Felixberger mit der größten deutschen Onlinezeitung, ChangeX.de, Führungskräfte über den Wandel in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur.

Wer bei Felixberger abblitze, seien Geschäftsführer, die in E-Mails "zur Lage der Nation, der Welt oder gleich des Universums" Stellung nähmen. "Ellenlange Pressemitteilungen, Broschürenwucher und Pressekonferenzen ohne eigentliche Berechtigung" seien ihm ebenfalls ein Gräuel.

Hamor findet es schlimm, wenn jemand "einmal gegebene Informationen zurückzieht oder Interviewfragen umschreiben will".

"Anrufer, die sich auf ihre Verwandtschaft mit einem Gesellschafter der Zeitung beziehen", sind für Holzamer "tödlich", wohingegen Ross Leute fürchtet, "die mit Beachtungswünschen nerven".

So viel zu den Don'ts. Und die Do's? "Wer mir Ideen gibt, wird auch in einem so initiierten Artikel zitiert", versichert Hamor. Zugmann empfiehlt, sich über die Arbeit des anzusprechenden Journalisten und dessen redaktionelles Umfeld vor dem Erstkontakt zu informieren, statt wahllos nach Verteilerprinzip Informationen auszusenden.

Holzamer freut sich über Menschen, "die sich wirklich Gedanken darüber machen, warum ihr Geschäft funktioniert oder nicht funktioniert - da kann dann schon auch eine Story rauskommen." (Der Standard, Printausgabe 20./21.11.2004)

Von Bernhard Madlener
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