Bildungsoffensive in Südostanatolien mit zweifelhaften Lerninhalten

6. Dezember 2004, 12:22
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Ankara-Programm soll Analphabetismus und Diskriminierung in strukturarmen Provinzen bekämpfen

Urfa - Ayfer will nicht gestört werden. Sie lernt. Konzentriert schaut die 16-Jährige mit dem geblümten Kopftuch auf eine Melonenscheibe aus Ton, die sie mit grüner und roter Farbe bemalt. Ayfer Kaçak lebt in Urfa, einer türkischen Stadt nahe der syrischen Grenze. In Istanbul büffeln Mädchen in ihrem Alter Französisch oder Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ayfer lernt Sticken, Häkeln, Ton kneten. Sie ist eine von Tausenden Frauen in Südostanatolien, die die türkische Regierung in Bildungszentren fit für das 21. Jahrhundert machen will.

Frauenzentren

Catom heißen die 28 Frauenzentren, die in den vergangenen neun Jahren in der Region entstanden sind. Nach Angaben der Regierung haben dort bereits 85.000 Frauen auf Staatskosten Handwerken oder auch Englisch gelernt. 60 Zentren sollen es bis 2010 werden. Catom ist Teil einer Art türkischen Marshallplans, eines milliardenschweren Projekts, mit dem Wirtschaft und Gesellschaft im kurdisch geprägten Südostanatolien vom Kopf auf die Füße gestellt werden sollen.

Analphabetismus

Im verarmten Südosten der Türkei sind fast die Hälfte der Frauen Analphabetinnen. In Ayfers Heimatstadt Urfa sind es sogar 70 Prozent. Lesen und Schreiben hat die 16-Jährige in der Hauptschule gelernt. Ein paar Brocken Englisch und ein Computerkurs sind bei Catom dazugekommen. Allerdings macht Englisch niemanden satt, sagt sie. Deshalb ist Ayfer sogar froh, in dem Zentrum Taschen nähen und Tonfiguren brennen zu können: "Unsere Lehrer verkaufen die Sachen und wir bekommen das Geld." Sonst könnte sie nichts zum Einkommen ihrer achtköpfigen Familie beisteuern.

"Ohne die Männer geht nichts"

Neslihan Kilic fällt in dem Frauenzentrum sofort auf. Sie ist geschminkt, trägt Jeans und blonde Strähnchen und ist fast die einzige Frau ohne "Türban", das Kopftuch. Die 26-Jährige leitet Catom in Urfa. Kilic kann ein Lied von den Problemen singen, die die Regierung im 600 Kilometer entfernten Ankara mit ihrer Bildungsinitiative in der von Islam und Stammestraditionen geprägten Region hat. "Ohne die Männer geht nichts", sagt sie. "Wir treffen uns mit ihnen und erklären ihnen die Ziele des Zentrums. Sind sie einverstanden, schicken sie ihre Frauen." Sechs von zehn stimmen zu - vier von zehn lehnen ab. "Die Männer haben Angst vor Nachbarn und Verwandten. Sie haben Angst, ihr Gesicht zu verlieren", sagt Kilic.

Erstmals Verurteilung wegen "Ehrenmordes"

Deshalb gibt es einige Frauen, die heimlich kommen. Das ist nicht ungefährlich, denn Gewalt gegen Frauen ist trauriger Alltag. In Urfa verurteilten Richter im März erstmals einen Mann wegen "Ehrenmordes" an seiner Frau zu einer lebenslangen Haftstrafe. Auch wegen dieser allgegenwärtigen Gefahr sind die Erfolge des Zentrums sehr begrenzt. Von den rund 2000 Frauen, die in den vergangenen vier Jahren hier gelernt haben, sind nur zwei später zur Universität gegangen.

Attatürk

"Alles, was wir auf der Welt sehen, ist das Werk der Frauen". Der Spruch stammt von Kemal Atatürk. Neslihan Kilic hat ihn in ihrem Büro aufgehängt. Der türkische Staatsgründer führte schon in den 20er und 30er Jahren Wahlrecht und Schulpflicht für Mädchen ein. Niederschmetternd klingt dagegen die Bilanz im Bericht des bisherigen EU-Erweiterungskommissars Günter Verheugen, auf dessen Grundlage die EU-Staats- und Regierungschefs am 17. Dezember über Beitrittsverhandlungen mit der Türkei entscheiden sollen. Darin heißt es: "Dass Frauen weiterhin diskriminierenden Praktiken unterworfen bleiben, hängt weitgehend an ihrer mangelnden Bildung und der hohen Analphabetenrate."

Traum der 16-jährigen Ayfer ist es, Krankenschwester zu werden. Dafür lernt sie gleichzeitig an einer Fernschule. Ob ein EU-Beitritt der Türkei ihr helfen würde, ihre Ziele zu verwirklichen, kann sie nicht sagen. Von der Diskussion um die EU hat sie nichts mitbekommen. Würde sie gerne woanders hingehen? Ayfer: "Selbst wenn ich gehen wollte, hätte ich nichts in der Hand. Ich wäre sehr neugierig auf Istanbul, aber wie soll ich das machen?" (APA)

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    Die Catom-Gemeinschaftszentren im Südosten der Türkei wurden 1995 ins Leben gerufen, um die aktive Teilnahme von Frauen im öffentlichen Leben zu stärken.
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