Tamar Citak im Interview: "Gewalt ist keine Privatsache"

6. Dezember 2004, 13:08
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Tamar Citak von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie spricht im dieStandard.at-Interview über häusliche Gewalterfahrungen von Migrantinnen

Tamar Citak ist Sozialarbeiterin in der "Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie". Sie ist Türkin mit armenischer Herkunft und berät vor allem Migrantinnen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien.

dieStandard.at: Frau Citak, machen Migrantinnen andere Erfahrungen mit Gewalt als österreichische Frauen?

Tamar Citak: Prinzipiell gibt es keine Unterschiede – Gewalt ist Gewalt, nur die Umstände sind anders. Rund 27 Prozent aller Gewaltfälle, in denen wir intervenieren, sind MigrantInnen. Die meisten sind aber keine eigentlichen MigrantInnen, sondern durch Familienzusammenführung nach Österreich eingereist. In den meisten Fällen ist es so, dass die Personen nicht zu uns kommen, sondern wir von der Polizei eine Meldung über einen Fall von häuslicher Gewalt bekommen und dann selbst Kontakt mit den Betroffenen aufnehmen.

dieStandard.at: Was ist das Hauptproblem?

Tamar Citak: Die Abhängigkeit - Migrantinnen und deren Kinder sind extrem abhängig von den Männern. Sie haben kein eigenes Geld und keinen Job und sind ihnen deshalb oft völlig ausgeliefert.

dieStandard.at: Wie weit greift für Migrantinnen das Gewaltschutzgesetz?

Tamar Citak: Die Polizei kann den Mann zwar aus der Wohnung weisen und ein Betretungsverbot erteilen, aber die Migrantin kann dieses nicht verlängern, weil sie ohne den Mann die Miete nicht zahlen kann. Sie kann zwar beim Familiengericht auf Unterhalt klagen, aber das dauert derzeit ewig, weil dort akuter Personalmangel herrscht. MigrantInnen aus Drittstaaten, die unter fünf Jahren in Österreich sind haben auch keinen Anspruch auf Sozialhilfe.

dieStandard.at: Was raten Sie Frauen in einer solchen Situation?

Tamar Citak: Oft können wir in der Beratungsstelle da gar nichts anderes tun, als ihnen zu sagen, dass sie die Situation solange aushalten müssen, bis sie ein eigenes Aufenthaltsrecht und eine eigene Arbeitsbewilligung haben – und das heißt, die Gewalt erdulden. Wir schauen dann aber, dass die Betroffene zumindest zeitweise zur Erholung ins Frauenhaus kann.

dieStandard.at: Wie gravierend ist das Problem der Zwangsheirat?

Tamar Citak: In den letzten Jahren ist das Problem zum Glück öffentlicher geworden. Erstens, weil die betroffenen Frauen von sich aus Hilfe suchen, und zweitens, weil die restriktiven Fremdengesetze häufiger zu Heiratsmigration führen. Heuer haben wir drei von Zwangsheirat betroffene junge Frauen beraten. Die betroffenen Mädchen und jungen Frauen sind meist zwischen 14 und 23 Jahren. Oft helfen wir, wenn die Jugendämter nicht weiter wissen.

Die Mädchen dürfen hier oft zwar normal zur Schule gehen und einen Beruf erlernen, viele Familien sind aber trotz modernem Anschein sehr traditionell. Auch wenn die jungen Frauen die österreichische Staatsbürgerschaft haben und hier aufgewachsen sind suchen die Eltern häufig die Ehepartner im Heimatland aus und zwingen die Töchter zur Heirat. Da sind die Probleme vorprogrammiert: Es gibt große Unterschiede zwischen den Lebenswelten und das führt dann später zu Eskalation. Viele Frauen machen nach einer Zwangsheirat die Erfahrung von Gewalt.

dieStandard.at: Welche Möglichkeit haben Sie, diesen Frauen zu helfen?

Tamar Citak: Bei Frauen der zweiten und dritten Generation, die volljährig sind und die österreichische Staatsbürgerschaft haben ist es weniger ein Problem, denn Zwangsheirat gilt als Nötigung und das ist ein Strafdelikt und die Familie wird angezeigt. Wenn nötig, werden die Frauen in Opferschutzeinrichtungen gebracht. Bei Minderjährigen beraten wir sowohl die Mädchen als auch deren Eltern um das Problem zu lösen.

dieStandard.at: Welche Rolle spielt die Familienehre, wenn Frauen versuchen, etwas gegen die Gewalt zu unternehmen?

Tamar Citak: Oft macht die Verwandtschaft der betroffenen Frau Druck, die Männer nicht im Stich zu lassen und keine Schande über die Familie zu bringen. Nicht immer können die Frauen also auf Schutz aus der Familie hoffen: Manche Familienmitglieder versuchen zu helfen, manche sagen, dass Gewalt an den Frauen eben zu ihrer Kultur gehöre.

Auch wenn die Familien im Falle von Zwangsheirat angezeigt werden, ist das eine Schande für sie. Meistens ist in Familien, wo sich das Mädchen dagegen wehrt, auch noch die Mutter von Gewalt betroffen, weil sie vom Vater beschuldigt wird, das Kind schlecht erzogen und zu einer Hure gemacht zu haben. Deshalb beraten wir gleichzeitig auch die Mutter – das macht beiden Mut, den ersten Schritt zu tun.

dieStandard.at: Gibt es konkrete Ansätze, wie man die Situation von Gewalt betroffener Migrantinnen verbessern könnte?

Tamar Citak: Ja, der Arbeitskreis "Gewalt bei Migrantinnenfamilien" der Plattform gegen Gewalt bemüht sich sehr, den Frauen erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen, damit sie unabhängig vom gewalttätigen Ehemann leben können. Das ist aber sehr mühsam, weil sie ArbeitsgeberInnen finden müssen, die den dafür nötigen hohen bürokratischen Aufwand in Kauf nehmen.

dieStandard.at: Eine sofortige Scheidung ist auch nicht immer die ideale Lösung...

Tamar Citak: Nein, besonders für jene Frauen, die keine österreichische Staatsbürgerschaft und Arbeitserlaubnis haben, weil sie dann oft ohne einen Cent dastehen. Für uns in der Beratung ist das eine schwierige Situation: Wir wollen den Frauen nicht vorschnell zur Trennung raten, wenn eine vorher schon erwähnte Arbeitsbewilligung nicht sicher ist und sie dann in eine noch schwierigere Lage geraten würden. Das heißt aber wiederum, dass sie es mit dem Mann aushalten müssen.

dieStandard.at: Gibt es Ansätze zu Anti-Gewalt-Programmen für die Männer?

Tamar Citak: Die Beratungsstelle versucht, Anti-Gewalt-Trainings zum Beispiel statt Geldstrafen für die Täter zu erreichen, das Problem ist, dass es in den Männerberatungsstellen so gut wie keine muttersprachliche Betreuung gibt,bzw. eine, die auch mit den interkulturellen Problemen vertraut ist. Für die Männer, die sich bereit erklären, an den Trainings teilzunehmen, ist das dann oft sehr ineffizient.

dieStandard.at: Sind die Ehemänner von Migrantinnen prinzipiell bereit, in der Beratungsstelle über ihr Gewaltproblem zu sprechen?

Tamar Citak: Es gibt Täter, die gesprächsbereit sind, es gibt aber auch solche, die selbst gegen die BeraterInnen gewalttätig bis aggressiv werden und sie bedrohen. Am leichtesten ist es noch, bereits auf der ersten Stufe der Gewalt, also bei psychischer Gewalt, einzugreifen.

dieStandard.at: Wie erfahren Migrantinnen, die von Gewalt bedroht sind, wo sie Hilfe bekommen können?

Tamar Citak: Es gibt unter den Migrantinnen ein tolles Netzwerk, sie sind untereinander sehr solidarisch. Die meisten kennen unsere Beratungsstelle und sogar die Namen der Beraterinnen bereits über Mundpropaganda. Oft erreichen uns auch Anrufe von Frauen, die wissen, dass jemand Hilfe braucht und uns das mitteilen.

dieStandard.at: Wie können NachbarInnen und MitbürgerInnen helfen, wenn sie Gewalt in einer MigrantInnenfamilie mitbekommen?

Tamar Citak: Gewalt in der Familie ist keine Privatsache, es geht die ganze Gesellschaft an. Das beste ist, das Gespräch mit den betroffenen Frauen zu suchen und Ihnen die Telefonnummer unserer Beratungsstelle auszuhändigen. Das Wort "Hilfe" versteht jede Migrantin. Wenn das nicht möglich ist, dann entweder uns direkt oder die Polizei kontaktieren. Von den meisten Gewaltfällen erfahren wir über aufmerksame NachbarInnen und HausbewohnerInnen.

dieStandard.at: Wie ist Ihre Erfahrung mit der Exekutive in diesem Zusammenhang?

Tamar Citak: In Wien klappt die Zusammenarbeit mit der Polizei sehr gut. Wenn die Frauen Angst haben, zu reden oder Sprachprobleme, gehen sie dem Fall in der Regel trotzdem weiter nach und befragen die NachbarInnen. In anderen Bundesländern ist das leider keine Selbstverständlichkeit: In manchen Gegenden hat die Polizei kaum Erfahrung mit MigrantInnenfamilien und es mangelt an entsprechender Schulung.

In Wien hat die Interventionsstelle viel dazu beitragen können, dass die Polizeischulung dahingehend besser wird. Beim Strafgericht sieht die Sache anders aus: Hier gibt es auch in Wien nach wie vor Alltagsrassismus und Diskriminierung gegen Gewaltopfer, ohne dass genauer hingeschaut wird.

dieStandard.at: Was wünschen Sie sich für von Gewalt betroffene MigrantInnen für die Zukunft?

Tamar Citak: Ich werde nicht aufhören, ein eigenständiges Aufenthalts- und Arbeitsrecht für alle Migrantinnen zu fordern, um die Gewaltsituation zu entschärfen. Denn Abhängigkeitsbeziehungen führen fast immer zu Gewalt.

Das Gespräch führte Isabella Lechner.

Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie
Amerlingstraße 1/6
1060 Wien
Tel. 01/585 32 88

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Interventionsstellen

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    Das Hauptproblem von Migrantinnen mit Gewalterfahrung ist die Abhängigkeit von den Männern.
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