Der Autoverkehr heizt dem Wald ein

25. Februar 2005, 10:28
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Den Wäldern geht die Luft aus - als Klimafilter sind sie überlastet

Mit zunehmender Autoliebe der Österreicher geht den Wäldern die Luft aus. Als Klimafilter sind sie überlastet - und dort, wo sich Abgase in bodennahes Ozon verwandeln, verlieren sie Blätter. Zudem haben frühere Ökosünden - Stichwort Waldsterben - Spuren hinterlassen.

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Es brauche einen ganzen Hektar mitteleuropäischen Waldes - besser gesagt: dessen Luftreinigungsfähigkeit -, um den Kohlendioxidausstoß eines "typischen Familienautos" wieder aus der Atmosphäre zu filtern, rechnet Manfred Lexer vom Institut für Waldbau an der Wiener Universität für Bodenkultur vor. Wenn das Auto 10.000 Kilometer pro Jahr unterwegs ist und der Wald sehr gut wächst.

Rund 3,9 Millionen Hektar Wald standen in Österreich 2003 an die 5,5 Millionen zugelassene Kraftfahrzeuge gegenüber, die beim Fahren allesamt das gefährliche Treibhausgas ausstoßen. "Man merkt sofort, das geht sich nie aus", zieht der Experte für Ökosysteme negative heimische Klimabilanz.

Temperaturanstieg

Der Wald, so Lexer, werde durch die Treibhausgase indirekt geschädigt. Die Folgen des Treibhauseffektes und des mittelfristigen Temperaturanstiegs seien bei Waldspaziergängen im Osten des Bundesgebiets leicht zu erkennen: Borkenkäferbefall, wie er derzeit vor allem die Fichtenmonokulturen massiv heimsucht, werde "durch die Erwärmung begünstigt".

Der Mensch könne die Erwärmung nicht aufhalten, also gelte es, dem Wald größtmögliche Widerstandsfähigkeit gegen Klimastress zu verpassen, bringt hier Stefan Moidl ein. Der Biologe, Förster und Waldexperte des World Wide Fund for Nature (WWF) in Österreich redet der "potenziellen natürlichen Waldgesellschaft" das Wort: Forste, in denen das wachse, was auch ohne menschliches Zutun wachsen würde, seien am anpassungsfähigsten.

Kahlschlaggebiete

Naturnah, so Moidl, seien in Österreich zwei Drittel der Waldfläche. Auf dem restlichen Drittel - in Kahlschlaggebieten wie etwa auf dem Loiblpass und auf den Kärntner Besitzungen des Industriellen Tilly - gelte es, Waldbesitzer von der Notwendigkeit längerfristigen Kalkulierens zu überzeugen. Ein schwieriges Unterfangen, da bei konservativ betriebener Waldbewirtschaftung "im Durchschnitt nur ein Prozent Rendite abfällt". Das sei auch in früheren Jahrhunderten so gewesen, "doch da waren eben die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen andere".

Lexer indes sieht aus der Notwendigkeit des Waldschutzes vor allem den motorisierten Österreichern einen klaren Auftrag erwachsen: "weniger Auto fahren". Doch dieser Rat verpufft derzeit offenbar ins Leere: Die Zahl zurückgelegter Autokilometer auf den heimischen Straßen nimmt zu.

Damit geraten aber auch immer mehr Schadstoffe in die Luft, die imstande sind, die Bäume direkt zu schädigen. Stickoxide vor allem, die im Umkreis frequentierter Hauptstraßen zur Bildung des bodennahen Ozons beitragen. Dieses wiederum greift direkt in die Fotosynthese ein. Die Folgen, die zum Beispiel im Inntal zu beobachten sind: weniger Blätter auf den Ästen.

Blätterinventur

Derzeit, so Lexer, weisen "zehn bis zwanzig Prozent aller Baumindividuen leichte Blatt- oder Nadelverdünnungen auf". Vor Vergleichsstudien im Gelände rät der Waldkenner Laien aber ab. Blätterzählen sei "Sache von Experten", die diesbezüglich ohnehin auf reiche Erfahrungen zurückblicken könnten: im Rahmen des Bioindikatorennetzes, das Mitte der 1980er-Jahre eingerichtet wurde.

Man erinnere sich: Das Waldsterben, ausgelöst durch hohe Konzentrationen von Schwefeldioxid (SO) in den Abgasschwaden der (vielfach in den Staaten des damaligen Realen Sozialismus angesiedelten) Schwerindustrie. Den lokalen Schäden - Bäume trugen keine Blätter mehr - folgten rasche Taten: Durch den verpflichtenden Einbau von Schornsteinfiltern - und die Schließung etlicher Dreckschleudern im Zuge des Schwerindustrieexports in die so genannte Dritte Welt - gelang es, die heimischen Wälder zu reanimieren.

Vor zwanzig Jahren waren fast 100 Prozent des heimischen Waldes von SO-Grenzüberschreitungen betroffen, heute sind es gerade noch fünf Prozent. Eine Altlast im "empfindlichen Gedächtnis des Ökosystems Wald", wie es Andreas Baur, Pressesprecher der Umweltschutzgruppe Global 2000 ausdrückt. Die Herausforderungen durch die Klimaveränderung schätzt er gefährlicher ein: "Es gibt auch schleichende Katastrophen." (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 22.11.2004)

  • Rund 3,9 Millionen Hektar Wald standen in Österreich 2003 an die 5,5 Millionen zugelassene Kraftfahrzeuge gegenüber

    Rund 3,9 Millionen Hektar Wald standen in Österreich 2003 an die 5,5 Millionen zugelassene Kraftfahrzeuge gegenüber

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