Energiekonzerne nehmen Anleihen bei der Luftfahrt

3. Dezember 2004, 15:32
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Experten erwarten, dass sich langfristig fünf bis sechs Player Europas Strom- und Gasmärkte aufteilen und wie die Airlines Allianzen schließen - mit Infografik

Wien - Die Energielandkarte Europas, die seit Beginn der Strom- und Gasmarktliberalisierung bereits mehrmals angepasst wurde, wird in einigen Jahren nicht wiederzuerkennen sein. "Es werden langfristig nur fünf bis sechs Player in Europa übrig bleiben", sagte der Energieexperte des internationalen Beratungsunternehmens A. T. Kearney, Florian Haslauer, dem STANDARD. "Die Großen der Branche werden sich die Märkte untereinander aufteilen."

Die weitere Konsolidierung in der Branche werde weniger durch Käufe erfolgen, das sei zu teuer. "Man wird Anleihen bei der Luftfahrt nehmen, wie die Airlines Allianzen schmieden und versuchen, auf diese Weise den Markt bestmöglich abzudecken."

Österreich unter Druck

Selbst wenn die Österreichische Stromlösung (Ösl) nach Vorliegen des Untersuchungsergebnisses durch die Wettbewerbsbehörde doch noch zustande kommt, würde sich das Bündnis aus Verbund und fünf Regionalversorgern ohne internationale Partnerschaft schwer tun. Profitables, starkes Wachstum sei eine der Voraussetzungen, um langfristig bestehen zu können, sagte Haslauer. Und weiter: "Für österreichische Energieversorger läuft es auf die Entscheidung hinaus, in welches Netzwerk sie sich am besten einklinken." Kleinere Unternehmen außerhalb der Ösl hätten hingegen gute Chancen, in Nischen zu überleben, ohne sich irgendeinem Bündnis anschließen zu müssen.

Neben der Electricité de France (EDF), den deutschen Energieriesen E.ON und RWE sowie Vattenfall aus Schweden sieht Haslauer einen spanischen Konzern (Endesa, Iberdrola) sowie Enel aus Italien mit relativ guten Chancen, beim Endspiel der Märkte gestaltend dabei zu sein.

EDF und RWE haben Fuß in Österreich

Von den Großen haben EDF und RWE einen Fuß in Österreich. Die Franzosen halten 25 Prozent an der Estag, die RWE ist mit rund einem Drittel an der Kelag beteiligt. E.ON stand kurz davor, seine Wasserkraftsparte mit dem Verbund in ein Joint Venture einzubringen. Ein politischer Meinungsschwenk in Österreich zugunsten einer nationalen Stromlösung verhinderte dies. Der Verbund gehört zu 51 Prozent der Republik, die Länder halten die Mehrheit an den Landesenergieversorgern.

Neben einer klaren Wachstumsstrategie und einer verstärkten Internationalisierung zeichneten sich die Spitzenreiter der Branche durch die Konzentration auf das Kerngeschäft aus - mit entsprechendem Effekt. Während der Gesamtumsatz der Top-15-Versorgungsunternehmen in Europa im Zeitraum 1998 bis 2003 um 14,9 Prozent zulegte, kletterte der Umsatz im reinen Energiegeschäft um 19,5 Prozent pro Jahr (siehe Grafik).

Weil die österreichischen Energieunternehmen trotz oder gerade wegen der raschen Totalöffnung des nationalen Energiemarktes vorwiegend mit sich selbst beschäftigt waren, wurden die Chancen der Liberalisierung nach Ansicht von Haslauer bisher zu wenig genutzt. Einzig der Verbund hebe sich durch sein frühzeitiges Engagement im Ausland positiv ab und stehe von den österreichischen Energieunternehmen im in- ternationalen Vergleich auch am besten da. (Günther Strobl, Der Standard, Printausgabe, 22.11.2004)

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