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8. Februar 2005, 16:09
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Japans Börse ist wieder ein Renner - Gastkommentar von Michael Margules

Lange, genau genommen beginnend mit der radikalen Baisse des japanischen Aktienmarkts im Jahre 1989, nach Jahren der scheinbar unaufhaltsamen Hausse, kursierte in Börsenkreisen der (Aus-)Spruch: "Um an Nippons Börse etwas Gutes zu erkennen, müsse man bloß die Wirtschafts- und Börsengrafiken auf den Kopf stellen..." Dies erscheint nicht mehr nötig, denn das Land steuert wieder auf Wachstumskurs, mit mittlerweile nicht nur historisch, sondern auch im internationalen Vergleich höchst attraktiven Bewertungsniveaus.

Wiedererwachter Glaube an sich selbst

Nicht nur, aber vor allem in Japan gibt man sich endgültig überzeugt, dass der zyklische Konjunkturaufschwung in einen selbsttragenden übergegangen ist. Seit gut einem Jahr steuert Japan nach langer Stagnation wieder auf Wachstumskurs. Japans Wirtschaft expandierte seit Oktober 2003 phänomenal, mit Wachstumsraten von bis zu 7 Prozent, weil sich ein großer Nachholbedarf entladen hat. Jetzt schwenkt das Land für die nächsten zehn Jahre auf ein durchschnittliches Wachstum von 2 bis 2,5 Prozent ein. Das mag wenig erscheinen, ist für eine reife Industrienation mit hoher Staatsverschuldung und alternder Gesellschaft aber mehr als respektabel.

China als zweites Standbein

Die Erholung stützt sich auf den rasch zunehmenden Handel mit China, die Restrukturierungserfolge der Unternehmen und die Belebung des Binnenmarkts. Mehr als ein Drittel der Nachfrage in der japanischen Wirtschaft kam in den vergangenen eineinhalb Jahren aus dem Reich der Mitte. Japan ist dank des Chinabooms heute vollends in den asiatischen und besonders in den chinesischen Raum integriert. Diese Eingliederung ist enorm wichtig. Niemand, auch nicht die Japaner selbst, hätte noch zur Jahrtausendwende gedacht, dass Nippon nebst den Vereinigten Staaten einen zweiten Exportmarkt, und dies noch dazu vor der eigenen Haustüre, erobern wird. Heute wird Japan selbst in der Basisindustrie von einem Exportschub erfasst, mit Ausfuhren nach China - von einfachen Gütern bis zur Hochtechnologie - die sich ausgezeichnet entwickeln.

Gigantische Entschuldung

Ein weiterer zentraler Faktor insbesondere aus der Börsenperspektive ist die Entschuldung der Unternehmen. Nippons Gesellschaften haben seit 1996 insgesamt 200 Billionen Yen oder nahezu 2000 Milliaden Euro an die Banken zurückgezahlt. Im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt sind das unglaubliche 40 Prozent. Vom Cash-flow wurde in den vergangenen rund fünf Jahren fast jeder Yen zur Schuldentilgung verwendet. Das war allerdings wenig vorteilhaft für das Bankwesen, weil wertvolle Kreditkunden kein Geld mehr benötigten und damit die schlechten überhand nahmen. Doch auch die Restrukturierungserfolge des Finanzwesens können sich sehen lassen, nicht zuletzt auf Basis der umsichtigen Finanzpolitik durch Ministerpräsident Koizumi und sein Regierungsteam.

Koizumi und seine mit namhaften Persönlichkeiten bestückte Regierung – unter anderem Reformminister Takenaka – machten Schluss mit den milliardenschweren, meist wirkungslosen Ausgabenprogrammen und stellten die Geldpolitik in den Vordergrund. Diese Umkehr der Prioritäten hat Koizumi im Frühjahr 2003 mit der Ernennung von Notenbankchef Fukui bestätigt. Jetzt heißt das Motto: expansive Geld- und restriktive Fiskalpolitik. Das schafft Freiraum für die Wirtschaft, und mündet in nun stetig und immer stärker steigenden Unternehensgewinnen.

Börse: Attraktiv wie schon lange nicht mehr

Vieles spricht dafür, dass sich das Wirtschaftswachstum Nippons trotz der unsicheren weltpolitischen und -wirtschaftlichen Lage fortsetzt und die mehr als zehn Jahre vorherrschende deflationäre Spirale in Japan endgültig durchbrochen wird. Getragen von neuer Zuversicht geben Japanerinnen und Japaner – die Weltmeister im Sparen – neuerdings mehr aus, als sie einnehmen.

Die Unternehmensgewinne sind etwa doppelt so hoch wie 1990, die Börsenindizes aber gegenüber damals 70 Prozent tiefer. Von den rund 1500 Unternehmen hatten 1995 nur 13 Prozent ein tieferes Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) als 12,5, heute sind es 75 Prozent. Kurzum: Japans Aktienmarkt weist selbst kurzfristig überdurchschnittliches Potenzial auf, und es dürfte nicht mehr lange dauern, bis man nur mehr in Europa - mit Schwerpunkt Deutschland - die Charts noch auf den Kopf stellen muss, um Gutes zu erkennen – in Japan stehen die Zeichen eindeutig auf Hausse.

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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