Jagdgebiet: Betreten verboten!

25. Februar 2005, 10:29
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Nicht jeder solle überall "hinlatschen" dürfen, meint die Jägerschaft. Die Wegefreiheit sei ein Grundrecht, meinen die alpinen Vereine

Nicht jeder solle überall "hinlatschen" dürfen, meint die Jägerschaft. Die Wegefreiheit sei ein Grundrecht, entgegnen die alpinen Vereine. Der Konflikt um Betretungsverbote und großflächige Sperren wird härter und bekommt zunehmend politische Dimensionen.

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Meistens lässt sich eine Eskalation vermeiden: "Bei einer Skitour im Hochwinter mit einer Gruppe aufs Warscheneck im Toten Gebirge hat uns noch in Talnähe ein Jäger händeringend gebeten, ein anderes Tourenziel zu wählen. Durch die Tourengeher würde das Wild beunruhigt, er habe im Wald große Schälschäden und viel Verbiss", erzählt der Linzer Bergführer Edi Koblmüller einen für ihn "typischen Fall". Der Chef der Alpinschule "Bergspechte" zeigte Einsicht und wählte eine andere Tour. "Aber nur weil der Jäger so nett war", fügt Koblmüller hinzu, "im Recht war er nicht."

Erholungssuchende und Jäger

Das Aufeinandertreffen von Erholungssuchenden und Jägern läuft nicht immer zivilisiert ab. Peter Kapelari beschäftigt sich als Leiter des Referates Bergsport und Umwelt beim Österreichischen Alpenverein hauptberuflich mit dem Thema Wegefreiheit: Es komme auch vor, dass "Wanderer von Jägern mit Hund und Waffe bedroht" würden. Und wenn es zu Anzeigen wegen des Betretens von Sperrgebieten komme, würden die Behörden oft willkürlich und weit jenseits der gesetzlichen Lage Strafen verhängen.

Der ÖAV habe erst diesen Monat gegen ein derartiges Straferkenntnis Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshof eingelegt. Aus grundsätzlichen Überlegungen, denn die Strafhöhe von 50 Euro für das Betreten eines forstlichen Sperrgebietes liege eigentlich unter dem für einen Rechtsschutz vorgesehenen Mindestbetrag.

Jagdliches Sperrgebiet

Koblmüller wie Kapelari beklagen, dass die Versuche, Wanderer, Bergsteiger und Skitourengeher auszusperren, zunehmen. Insgesamt sind laut Kapelari derzeit österreichweit 35.000 Hektar als jagdliches Sperrgebiet ausgewiesen. Das ist deutlich mehr als die 27.000 Hektar von Mayr-Melnhof-Saurau - Österreichs größtem privatem Waldbesitzer.

Allein in der Steiermark seien laut ÖAV-Statistik 14.000 Hektar exklusiv der Jagd vorbehalten. Hier gebe es auch die "massivsten jagdlichen Interessen", erläutert Kapelari. In Tirol sei die Gesamtfläche der Sperrgebiete in den vergangenen vier Jahren um 60 Prozent gestiegen.

Keine Sperre nötig

Initiatoren für Verbote seien meist die Jäger, "die Jagdwirtschaft verschanzt sich da hinter der Forstwirtschaft", meint Koblmüller. Er hat vor seiner Karriere als Berufsbergsteiger Forstwirtschaft studiert und als Forstbeamter bei der Oberösterreichischen Landesregierung gearbeitet. Als Forstwirt meint Koblmüller, dass, abgesehen von einigen "Minimalforderungen" wie beispielsweise dem "Skiverbot durch Aufforstungsgebiete" oder "kleinräumigen temporären Betretungsverboten", keine Sperren zum Schutz des Waldes nötig seien. Auch dem Verbot im Winter Wildfütterungsstellen zu betreten, kann er etwas abgewinnen. Aber nur solange die Wildfütterungen nicht "wie in den Rottenmanner Tauern im Strechental bei der Jagd des Großindustriellen Flick" so platziert würden, "dass erst recht das ganze Tal gesperrt ist".

Übermalte Wegmarkierungen

Beispiele, wie das in Paragraf 33 des Forstgesetzes festgeschriebene grundsätzliche Betretungsrecht umgangen wird, kennt auch Kapelari einige: Auf der Kärntner Saualpe hätte ein Grundbesitzer einfach Wegmarkierungen übermalt und einen 300 Jahre alten Weg mit dem Bagger wegschieben lassen. Kapelari: "Der so genannte Schutz des Eigentums wird radikaler."

Die politischen Befürworter von Sperrzonen sehen sich allerdings nicht als Vertreter der Grundeigentümer oder einer Jagdlobby. Salzburgs Naturschutzlandesrat Sepp Eisl (VP) etwa meint sehr grundsätzlich, dass nicht "jeder überall hinlatschen" dürfe, auch die Tiere bräuchten Ruhezonen. Als Eisl dies im Sommer 2004 verkündete, schrillten bei den alpinen Vereinen in Salzburg die Alarmglocken. Zu gut könne man sich noch an die Causa Riedingtal erinnern, formuliert Salzburgs Naturfreunde-Vorsitzende und Dritte Landtagspräsidentin, Gudrun Mosler-Törnström (SP), ihr "seit dem Riedingtal existierendes grundsätzliches Misstrauen".

Habitatschutzgebiet

Das bei Wanderern beliebte Tal im Lungauer Zederhaus sollte 2003 auf Betreiben von Landeshauptmann Franz Schausberger (VP) zu großen Teilen als Habitatschutzgebiet ausgewiesen, also gesperrt werden. Als ruchbar wurde, dass die Sperre zugunsten eines deutschen Jagdpächters erfolgen sollte, verweigerte seine damalige SP-Stellvertreterin Gabi Burgstaller ihre Zustimmung. Schausberger musste den Verordnungsentwurf zurückziehen.

Alpinen Vereine wollen mitmachen

Eisl hat daraus gelernt und versucht, die alpinen Vereine mit in die Pflicht zu nehmen. Derzeit werden in Salzburg Modelle zur "Besucherlenkung" erarbeitet, um weit gehend ohne Sperren auszukommen - die alpinen Vereine wollen mitmachen. Mosler-Törnström fordert darüber hinaus aber auch eine Änderung der Gesetzeslage: Derzeit werde die Verordnung von Sperrzonen im Landesjagdgesetz geregelt. Gehe es um Naturschutz gehe, gehörten solche Bestimmungen ins Naturschutzrecht. (Thomas Neuhold, DER STANDARD Printausgabe 20/21.11.2004)

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