Die Ehre der Madame Susu

6. Dezember 2004, 12:01
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Man hatte sie schon fast vergessen, am Totenbett Yassir Arafats war sie wieder da: Suha Arafat

Sie war Arafats großer Fehler. Suha bestand nicht vor der Geschichte." Vor "Madame Susu" - nur einer ihrer nicht schmeichelhaft gemeinten Namen - versagt sogar die Barmherzigkeit des israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery. Niemand mochte sie, niemand mag sie. Sie ist blondiert, laut, vulgär. Ihre kreischende Stimme, mit der sie die Palästinenserführung am Telefon von Paris aus beschuldigte, ihren Mann "lebendig begraben" zu wollen, wurde auf der ganzen Welt gehört. Ihre angelernten islamischen Reflexe - sie beschloss ihren Sermon mit gleich zweimal "Allahu Akbar" - waren Muslimen und Nichtmuslimen gleichermaßen peinlich.

Die Ehre von Suha Arafat retten zu wollen ist ein verzweifeltes Unterfangen, warum sollte man das auch? Der Verdacht, dass die zum Teil geifernden Angriffe gegen sie aber nicht nur etwas mit ihr, der Angegriffenen, sondern auch mit den Angreifern zu tun haben, macht die Geschichte interessant. Ob jene, die sich so in Suha, eine historisch unwichtige, politisch und persönlich frustrierte Frau von Anfang vierzig verbeißen, damit nicht auch etwas anderes meinen? Ist sie nicht eine physisch gewordene Delegitimierung der palästinensischen Causa, der willkommene Beweis, dass die doch ganz anders sind, nicht besetzt und eingesperrt, sondern korrupt und mit absurden Schuhsammlungen versehen? Auch Avnery, der die Causa bestimmt nicht in Frage stellt, sieht zumindest seinen Helden Arafat durch Suha beschädigt. Und zwar nicht nur, weil sie nicht vor der Geschichte bestanden hat, wie er sagt. Sondern weil Arafat sie geheiratet hat: Es war ein Moment der Schwäche, sagt Avnery in dem hier zitierten Ha'aretz-Interview.

Die Chancen von Suha Arafat, in die Lage zu kommen, vor der Geschichte bestehen zu können, waren äußerst gering. Die Menschen rund um Yassir Arafat, den die damals 27-Jährige 1990 heiratete, sahen die Sache ähnlich wie Avnery: Wie konnte er nur, wie konnte der 34 Jahre ältere Arafat neben seine ewige Braut Palästina auch eine lebendige junge Frau stellen? Die Geschichte war klar, sie hatte es gewollt, für sie war es nach eigener Aussage Liebe auf den ersten Blick, "nicht Schicksal, sondern Liebe", sagte sie in einem Interview. Der Alte wusste gar nicht, wie ihm geschah, die Palästinenserführung sah es mit Schrecken, als sie sich in seinem Leben breit machte.

Suha Arafat, née Tawil, stammt aus einem reichen, liberalen palästinensischen Haus. Bei ihren Eltern waren berühmte Leute, Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre oder Herbert Marcuse, zu Gast.

Der Vater Daoud Tawil war Bankier, die Mutter, Raymonda, Journalistin und politisch aktiv. Das soziale Anecken war auch Raymonda nicht fremd, die traditionelle palästinensische Gesellschaft sah ihre Aktivitäten mit Misstrauen.

Suha Tawil wurde mit 18 zum Studieren nach Paris geschickt, an die Sorbonne, jedoch verließ sie nicht das politisch-palästinensische Umfeld: Sie wohnte bei ihrer älteren Schwester, die mit Ibrahim Souss, dem PLO-Vertreter in Frankreich, verheiratet war. 1989 war Suha daran beteiligt, Arafats Besuch in Frankreich zu organisieren, danach ging sie mit ihm nach Tunis zurück, um in seinem Büro zu arbeiten.

Suha hofierte Arafat, und nicht umgekehrt, sie wollte ihn heiraten, und irgendwann gab der 61-Jährige nach, im Juli 1990 fand die Hochzeit statt. Die Palästinenser um Arafat, allen voran der jetzige PLO-Chef Mahmud Abbas (Abu Mazen), setzten durch, dass die Verbindung geheim gehalten wurde, oder besser gesagt, deren Legalisierung: Das Getratsche über eine Affäre konnte Suhas Familie aber dann irgendwann einmal nicht mehr ertragen und spielte die Nachricht Medien zu.

Warum Arafat nicht heiraten durfte, und so eine wie Suha schon gar nicht, ist ziemlich klar: "Jahrzehntelang", so schreibt Danny Rubinstein, "hatte die palästinensische Propagandamaschinerie sich um das Bild des kämpfenden, rastlosen Helden gedreht, heimatlos und in Fetzen gekleidet - die Palästinenser symbolisierend - und auf einmal war er mit einer jungen Blonden verheiratet, die die letzte französische Mode trug." Christin war sie auch, und außer der Universität hatte sie Nightclubs und die europäischen Strände frequentiert.

Übrigens war auch ihre Familie nicht etwa erfreut über ihre "Ich heirate den Vater der Palästinenser"-Flausen. Suha konvertierte zum Islam, "aus politischen Gründen", gebar 1995 ein Kind, ach, es war eine Tochter, wieder eine Chance, "vor der Geschichte zu bestehen", verpasst. Es gibt Gerüchte, dass die neunjährige Zahwa krank ist und Mutter und Tochter deshalb während der vergangenen Jahre in Paris lebten. Das kann aber auch nur einer der Rechtfertigungsversuche sein, warum Suha seit 2000 nicht in die Palästinensergebiete zurückgekommen war. Sicher ist, dass sie Zahwa in Paris gebar, wegen der "hygienischen Verhältnisse".

Da war sie schon längst ausgebootet. 1993 war es zum großen Showdown zwischen Mahmud Abbas und ihr gekommen. Der PLO-"Außenminister" Faruk Kaddumi hatte sich geweigert, seine Unterschrift unter das Oslo-Abkommen zu setzen, Abbas wiederum, der einspringen sollte, stellte Arafat vor die Alternative: Entweder die kommt oder ich. Suha Arafat kam nicht, weder zur großen Zeremonie in Washington mit Bill Clinton noch zu späteren großen politischen Anlässen. Zu Arafats 70. Geburtstagsfest 1999 kam sie auch nicht.

Was nicht hieß, dass sie leiser geworden war, im Gegenteil. Im Beisein von Hillary Clinton sprach sie von israelischen Giftgasangriffen, peinlich, bei ihren Versuchen als Landesmutter zu agieren und sich um Sozialprojekte zu kümmern, pfiff sie die palästinensischen Offiziellen zusammen, dass es hier so dreckig sei, peinlich, das Peinlichste war aber, dass sie begann, ihrer Entourage, den wenigen Freunden und für Freunde Gehaltenen, Geschäfte zuzuschanzen. Einer davon sollte die Autonomiebehörde später auf von Arafat zugesagte Aufträge klagen, der in Israel ein und ausgehende libanesische Phalangisten-Geheimdienstchef Pierre Rizk. Er, der Mann, der Arafat geklagt hat, ist jetzt Suhas Finanzberater.

Am Schluss ging es nur ums Geld, die Angst, nach Arafat, der ihr hohe Apanagen bezahlt hatte, unversorgt dazustehen, war wahrscheinlich irrational, aber sie war da. Mit ihrem Ausbruch gegen die Palästinenserführung, als Arafat im Koma lag, erfüllte sie ihr Schicksal: Sie war peinlich, sie beschädigte Arafat, sie beschädigte die Causa. Suha Arafat konnte ihre Ehre nicht retten, aber Rache genommen, das hat sie. (DER STANDARD, Album, Print-Ausgabe vom 20./21.11.2004)

Von Gudrun Harrer
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    Suha Arafat
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