Was ein Abschluss wert ist

6. Mai 2005, 13:09
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Neu auf dem Arbeitsmarkt: blutjunge Fachhochschulabsolventen mit Bakkalaureat. Für die einen sind sie billige, praxisorientierte Arbeitskräfte

Seit zwei Monaten ist eine neue Spezies Hochschulabsolvent mit der Bezeichnung Bakk. (FH) auf dem österreichischen Arbeitsmarkt: Es handelt sich um eine Bakkalaura oder einen Bakkalaureus einer Fachhochschule.

65 Studenten der FH Hagenberg haben heuer diesen Abschluss bekommen. Die FH Hagenberg ist die erste in Österreich, die diese Diplome vergibt, weil mitten unter der bestehenden FH-Ausbildung das System auf das ab heuer geltende dreigliedrige Studiensystem umgestellt wurde: Im Rahmen einer EU-weiten Harmonisierung wird künftig an Universitäten und FHs nach drei Jahren Studium der erste Abschluss in Form des Bakkalaureats vergeben, dann folgen Magister und Doktorat.

Was der Bakk. (FH) am Arbeitsmarkt wert ist, sei noch völlig unklar, sagt Ingo Prepeluh von der Österreichischen Fachhochschul-Konferenz. Heuer starteten 36 FH-Bakkalaureat-Studiengänge, insgesamt gäbe es knapp 3000 Bakk.-Studenten. Das Diplom wird nach sechs Semestern vergeben, davon ist ein Semester ein Praktikum bei einem Unternehmen. "Wir haben keine Angst, dass unsere Absolventen nicht berufsfähig sind", sagt Wilhelm Burger, Professor für Medieninformatik an der FH Hagenberg. "Das bestätigt die Erfahrung mit den Unternehmen, bei denen unsere Studenten Praktika machen." Die 23-jährige Pamela Dumhart ist eine der ersten "Bakk. (FH)"-Titelträger und wurde von der Linzer Firma NETural Communications direkt nach ihrem Praktikum eingestellt. Sie verdiene gleich viel wie Absolventen mit einem FH-Magister, erzählt sie, sammle aber schneller Berufserfahrung als jene, die länger studieren.

FH-Bakk.-Absolventen könnten am Arbeitsmarkt eine Art "dumping" verursachen, spekuliert Gabriele Gradnitzer, Personalberaterin bei Neumann International. Schon bei FH-Magister-Absolventen zeige sich, dass einige Unternehmen Uni-Magister bevorzugen, weil diese meist älter und reifer seien und mehrere Praktika hätten, so Gradnitzer. Jetzt bestünde die Gefahr, dass die neuen FH-Bakkalaureatsabsolventen für Jobs infrage kommen, für die früher ein HAK-Abschluss genügte, was diesen abwerte. Durch die FHs gäbe es zwar mehr Hochschulabsolventen, aber nicht mehr Arbeitsplätze. Dadurch erhöhe sich nur der Anspruch an das Ausbildungsniveau, nicht aber die inhaltliche Qualität der Jobs.

Optimistischer ist Ada Pellert von der Abteilung für Hochschulforschung an der Uni Klagenfurt. Die FH-Magister hätten sich einen guten Ruf für Praxisnähe gemacht, davon könnten jetzt auch die FH-Bakk.-Absolventen profitieren. Dies sei vielleicht sogar ein Vorteil gegenüber Uni-Bakkalaureatstudenten.

Die Hälfte der Hagenberg-"Bakkler" haben gleich ein Magisterstudium angehängt. Wenn sich das Verständnis für die neuen Abschlüsse verbessert, werden weniger weiterstudieren, so Burger. Im angelsächsischen Raum stürzen sich etwa 70 Prozent der "Bachelors" sofort in die Arbeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.11.2004)

Von Nadja Hahn
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