Bildungsstress, der lohnt

6. Mai 2005, 13:09
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Immer mehr Studierende entscheiden sich für eine Fachhochschule - Das Studium ist meist schneller, die Jobchancen danach besser - Alle sind einig, dass die Fachhochschulen ein Erfolg sind - Uneinigkeit herrscht nur bei der Frage, wie sie in Zukunft weitermachen sollen

Österreichs Wirte können sich freuen. Immer öfter reservieren blasse, aber glückliche Mittdreißiger festlich gedeckte Tische für gar nicht so wenige Personen, um ihren Studienabschluss zu feiern. Bei den Gastgebern handelt es sich zumeist um Absolventen einer Fachhochschule, die vier Jahre Superstress hinter sich hatten. Denn viele machen die Hochschulausbildung neben ihrem Fulltime-Job. Spätabends und jedes zweite Wochenende von 9 bis 17 Uhr. Viele Fachhochschulen bieten dieses Service für Berufstätige an, inklusive strenger, aber fürsorglicher Betreuung: mit Anwesenheitslisten, fixen Projektabgabeterminen, Internetlehrgängen und Feedback.

Ein gutes Drittel der 20.591 Studierenden an Österreichs Fachhochschulen ist berufstätig. Aber auch für Schulabgänger nach der Matura wurden die Fachhochschulen in den zehn Jahren ihres Bestehens immer attraktiver.

(Fast) alle zufrieden

13.000 Menschen haben ihre Ausbildung an den Fachhochschulen bereits abgeschlossen und dürfen sich nunmehr "Magister/ra FH" oder "Diplom-Ingenieur/se FH" nennen. Viele von ihnen haben bereits während ihres Studiums oder unmittelbar nach dem Abschluss einen Job gefunden. Und auch die Wirtschaft ist zufrieden mit Fachwissen und Können der frisch Angeheuerten. "Effizient", "qualitativ hochwertig", "flexibel", "praxisnah" - das sind die Eigenschaften, die den Fachhochschulen folglich auch im "Bildungsmonitoring 2004" des Bildungsministeriums zugeschrieben werden. Claus Raidl, Vorsitzender des Fachhochschul-Rates, nennt die FHs denn auch den "größten bildungspolitischen Erfolg der vergangenen zehn Jahre". Grund: "Der Staat hat sich in die Rolle des Regulators zurückgezogen und die Experten machen lassen."

So scheint denn wenigstens in einer Sparte des tertiären Bildungsbereichs alles zum Besten zu stehen. Sieht man genauer hin, ist freilich auch bei den Fachhochschulen nicht immer alles eitel Wonne. Da ist einmal der geringe Frauenanteil an den Hohen Schulen der Fachausbildung: Während an den Universitäten bereits mehr als die Hälfte der Studierenden weiblich ist, sind es an den Fachhochschulen magere 38 Prozent. Der Grund: Vor allem technische und naturwissenschaftliche Fächer werden angeboten, und die sind traditionell schwach weiblich besetzt. ÖVP-Bildungssprecherin Gertrude Brinek: "Das muss sich dringend ändern." Daher enthält auch der "Fachhochschul-Entwicklungsplan III" (FH-EH III) einen Frauenschwerpunkt.

Kurt Grünewald, Bildungssprecher der Grünen, kritisiert auch die inhaltliche Konzentration auf Technik, Wirtschaft, Informatik. Grünewald: "Es besteht die Gefahr, dass wir am Ende ultraspezialisierte Experten heranbilden, die dann erst recht wieder keine Jobs finden." Denn auch der Arbeitsmarkt unterliegt Trends und Moden, die sich immer rascher verändern. Grünewald urgiert daher auch einen "Dienstleistungsschwerpunkt" in der FH-Ausbildung - vor allem, was Gesundheitsberufe betrifft. Der Entwicklungsplan sieht dies zwar auch vor, setzt dennoch weiterhin auf den Schwerpunkt "Technik, Naturwissenschaften sowie techniknahe Dienstleistungen". Österreich soll das Know-how-Zentrum Europas für diesen Bereich werden. Raidl: "Da sind wir noch nicht voll besetzt, und die Wirtschaft braucht Leute."

Eine weitere große Herausforderung für die Fachhochschulen ist, ihre Standorte zu konsolidieren - und nicht, neue zu bauen. 136 Studiengänge gibt es derzeit schon, und viele Kommunalpolitiker hätten gerne noch mehr - um etwa leer stehende Kasernen in ihren Gemeinden zu füllen. "Wir haben bisher meist erfolgreich verhindert, dass die Fachhochschulen zum Instrument der Regionalpolitik verkommen", sagt Raidl nicht ohne Stolz. Brinek wünscht sich für die Zukunft auch eine verstärkte Kooperation mit den Universitäten: "Es gibt keinen Grund für Eifersüchteleien, für die Unis bleibt noch genügend zu tun."

Geplant ist auch, das Bildungssystem durchlässiger zu machen: So sollen künftig berufsspezifische Ausbildungen an Handelsakademien und HTL für einschlägige FH-Lehrgänge angerechnet werden und auch mehr Lehrlinge angesprochen werden. Bis 2010 ist jedenfalls noch viel zu tun: Bis dahin soll der FH-Sektor nochmals um 50 Prozent ausgebaut werden. Insgesamt 33.000 Studierende sollen dann ein Fachhochschulstudium belegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.11.2004)

Von Petra Stuiber
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