Tote auf Urlaub

6. Dezember 2004, 12:22
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Ayaan Hirsi Ali (35), Exmuslimin und niederländische Parlamentarierin, kämpft gegen den "rückständigen Islam" und für die Emanzipation der muslimischen Frauen

Es ist so eine Geschichte, wie wir sie gerne lesen. Eine HeldInnengeschichte, fast wie im Märchen. Eine schöne Frau kämpft gegen das Unrecht. Mutig und furchtlos. Allein gegen die Imams. Eine schwarze Muslimin, die sich nicht fügt, sondern wehrt. Die ihren Weg geht und es nebenbei auch noch von ganz unten nach ganz oben schafft: Vor zwölf Jahren noch gestrandeter Flüchtling, heute Abgeordnete im niederländischen Parlament. Mittlerweile ist sie der strahlende Star der niederländischen Politik - die umstrittenste, aber auch die beliebteste Politikerin. Was für eine Geschichte!

"Soldatin des Bösen"

Märchen pflegen gut zu enden. Doch dass Ayaan Hirsi Alis Geschichte gut endet, darauf wagen heute nicht allzu viele Leute zu wetten. Längst hat sich die 35-Jährige, seit zwei Jahren Abgeordnete der rechtsliberalen VVD-Partei, nur mit drei Leibwächtern auf die Straße gewagt - und das in einem Land, in dem selbst der Premierminister mit dem Fahrrad ins Büro fährt. Seit sie sich als "Exmuslimin" - also vom Glauben Abgefallene - bezeichnete, den Islam eine "rückständige Kultur" und den Propheten Mohammed "pervers" nannte, hagelte es schriftliche Morddrohungen radikaler IslamistInnen. Die jüngste fand sich auf der Leiche ihres Mitstreiters, des ermordeten Filmemachers Theo van Gogh - in den Bauch gerammt mit dem Schlachtermesser, mit dem ihm sein frömmelnder Mörder, nachdem er ihn erschossen hatte, die Kehle durchschneiden wollte. "Sehr geehrte Frau Hirsi Ali", beginnt der Brief an die "Soldatin des Bösen": "Du hast mit deinen Feindseligkeiten gegen den Islam einen Bumerang losgeworfen. Du weißt, dass dieser Bumerang zu dir zurückkommen wird."

Als sie vom Tod des provokativen Filmemachers, mit dem sie zuletzt den zwölfminütigen Skandalstreifen Submission über die Frauenunterdrückung im Islam herausgebracht hatte, am Telefon im Parlament erfuhr, sackte Hirsi Ali erst einmal wortlos zusammen. Aus ihrem Abgeordnetenbüro wurde sie nur wenige Minuten später von Polizisten abgeholt. Sie brachten sie an einen unbekannten, sicheren Ort. Seither ist sie weg, verschwunden, untergetaucht. Offenbar glaubt der niederländische Staat, seine Volksvertreter nicht einmal im Parlament effektiv schützen zu können. "Wir haben den Djihad im Land", sagte der Chef ihrer Partei, welche in den Niederlanden mitregiert.

Flucht

Weil sie sich gegen Zwangsehen, gegen Klitorisbeschneidung, für Emanzipation der Musliminnen engagiert, ist Ayaan Hirsi Ali heute womöglich mehr gefährdet als es Salman Rushdie je war. Geboren ist sie in Somalia, als Tochter eines Reformpolitikers, dem in den eigenen vier Wänden die Tradition mehr galt als der Fortschritt. Nach einem Putsch lebte die Familie kurz in Saudi-Arabien und Äthiopien, danach lange in Kenia. Immerhin, dass seine Tochter eine Schulbildung erhält, war dem Vater wichtig. Mit 22 sollte sie mit einem Cousin in Kanada verheiratet werden. "Auf meinem Weg nach Kanada hatte ich in Deutschland Zwischenstopp. Ich wollte ihn nicht heiraten, also ließ ich das Flugzeug abfliegen - und nahm den Zug in die Niederlande. Wenn man will, kann man sagen, ich bin davongelaufen", schrieb sie später.

Sie schlägt sich mit allerlei Jobs durch, von der Putzfrau bis zur Postsortiererin. Sie lernt die Landessprache. Sie studiert an der Universität Leiden Politikwissenschaft. Nur fünf Jahre, nachdem sie ohne Sprachkenntnisse in ein fremdes Land kam, tritt sie der sozialdemokratischen Partei bei und bekommt einen Job in einem parteinahen Thinktank. Hier ist sie für Immigrationsfragen zuständig, speziell für die Probleme von Einwandererfrauen. Sie kennt sich aus, nicht nur, weil sie die Repression am eigenen Leib erfahren hat - während des Studiums hat sie zeitweise in Frauenhäusern als Dolmetsch gejobbt.

Gegen "falsche Toleranz"

Es folgen erste öffentliche Auftritte. Sie hat eine drängende Art und eine provozierende Ader. Sie formuliert nicht im PolitologInnenstil, sondern drastisch. Vor allem verachtet sie das, was sie als die falsche "Toleranz" der NiederländerInnen empfindet. Ohnehin hat das Wort "Toleranz" bei ihr einen verächtlichen Beiklang. "Als liberale Gesellschaft sind die Niederländer gegen die Unterdrückung der Individuen, aber wenn es um die ethnischen Minderheiten geht, dann schreibt der Multikulturalismus vor, dass man die Praktiken der anderen Kulturen respektieren müsse, auch wenn sie die Einzelnen unterdrücken." Gegen diese Kuscheltoleranz geht sie mit Spott und Hohn vor.

Als es die ersten Morddrohungen setzt, bringt die sozialdemokratische Parteiführung Hirsi Ali nach Amerika - zu ihrem Schutz; dass sie weit weg ist, kommt ihren Genossen aber durchaus zupass. Denn sie löckt auch wider den Partei-Stachel, gegen das linksliberale Verständnisgesäusel, das jede exotische Praxis versteht und prügelnde Einwanderer-Männer bestenfalls als pädagogisches Problem sieht.

"Der Islam vertröstet auf das Paradies", spottet sie später, "die Sozialdemokraten auf eine Besserung in zehn oder zwanzig Jahren." Als die Konservativliberalen ihr einen sicheren Listenplatz anbieten, wechselt sie das Trikot.

Sie selbst ist das Kontrastprogramm zur einfühlenden Multikulti-Pädagogik. Radikal, kompromisslos und auch schrill. Ein Hang zur Selbstdarstellung ist da dabei, schimpfen ihre Kritiker. Ayaan Hirsi Ali gegen das Unrecht. In der Nebenrolle: das Unrecht. In der Hauptrolle: Ayaan Hirsi Ali. Sie macht Schlagzeilen.

Der Prophet Mohammed, schreibt sie in einer Tageszeitung, sei "gemessen an unseren westlichen Maßstäben ein perverser Mann". Denn: "Sie können das im Koran nachlesen. Mohammed stahl Sayneb, die Frau seines Jüngers, und behauptete, das sei Allahs Wille. Er verliebte sich in Aisha, die neunjährige Tochter seines besten Freundes. Ihr Vater bat ihn zu warten, aber Mohammed wollte nicht warten. Was passiert also? Er erhält eine Botschaft von Allah, die sagt, dass Aisha sich für ihn bereithalten soll. Mohammed ist ein Tyrann." Mohammed war ein perverser Pädophiler, der mit neunjährigen Mädchen vögeln wollte und ein Tyrann, weil er, um seinen Willen durchzusetzen, in eine Höhle ging. Wieder zurück, eröffnete er, er habe eine Botschaft von Allah erhalten, die besagt, dass er genau das tun solle, was sein Wunsch war. Der Islam als solcher sei eine "rückständige Kultur", der Koran eine "Lizenz zur Unterdrückung" insistiert Hirsi Ali immer wieder - und zitiert die bekannten Suren, die da lauten: "Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam, und wenn ihr fürchtet, dass Frauen sich auflehnen, dann ermahnt sie, meidet ihr Ehebett und schlagt sie". Oder: "Die Männer aber stehen über den Frauen, weil Gott sie vor diesen ausgezeichnet hat."

In dem Film Submission hat sie diese Verse auf den Körper von Frauen projiziert, die, abgesehen von einer Gesichtsmaske und einem durchsichtigen Schleier, nackt waren - und übersät von Wunden, Folgen des Martyriums, das der Koran legitimiert.

Die kalkulierte Blasphemie produziert Schlagzeilen, und die garantieren Ayaan Hirsi Ali wieder die Aufmerksamkeit, die sie benötigt, um die Gewalt, Versklavung, Vergewaltigungen und Ehrenmorde in die Diskussion zu bringen, deren Opfer muslimische Frauen auch in Westeuropa werden - in den Parallelgesellschaften, in die sich manche Einwanderer-Communities aus Nordafrika, aber auch aus Anatolien verpuppt haben. Mit ihrer geradezu selbstquälerischen Art, die Dinge beim Namen zu nennen, hat sie mit der falschen Toleranz und der naiven Wegschauerei aufgeräumt, preisen sie ihre Anhänger. Mit ihrem schroffen, konfrontativen Stil schürt sie nur den "Konflikt der Kulturen", trägt sie dazu bei, dass die Einwanderergettos sich weiter abkapseln und die Mehrheitsgesellschaft nur mehr als feindlich wahrnehmen, monieren ihre Kritiker: Damit würde keiner Frau geholfen. Irgendwie haben wahrscheinlich beide Seiten ein bisschen Recht.

Eine verstörende Tatsache, die nur ein Symptom ist für das Dilemma, in das die westlichen, säkularen Rechtsstaaten in ihrem Verhältnis mit der radikalen Spielart des Euro-Islam verstrickt sind. Wie geht man mit Parallelgesellschaften um, die die Menschenrechte nicht achten? Da, wo das ruchbar wird, die Täter bestrafen und die Opfer schützen - wobei schon Letzteres leichter gesagt als getan ist. Aber um den Panzer aufzubrechen, mit dem sich diese Parallelgesellschaften umgeben haben, muss man erst einmal an sie herankommen, muss man mit den umhätschelten Jungpaschas ins Gespräch kommen, die bereit sind, ihre Schwestern abzustechen, wenn sie gegen Allahs Gesetz verstoßen oder "die Ehre" der Familie "besudeln".

Schnell können sich Zielkonflikte ergeben: Im Kampf gegen islamistischen Terror kann polizeiliche Repression notwendig sein - sie treibt aber womöglich zur selben Zeit den Militanten neue Anhänger zu, die sich nur in ihrer Überzeugung bestätigt sehen, dass der Islam vom Westen (oder vom Christentum) unterdrückt wird. Die stetigen Warnungen vor dem Islamismus tragen auch zur Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen bei. Andererseits ist verständnisvolle Sanftmut auch fehl am Platz, wenn es angebracht ist, klare Grenzen zu ziehen.

Sie sei bereit, schrieb Ayaan Hirsi Ali zuletzt aus ihrem Versteck, "sehr weit zu gehen, um die Menschen aufzuwecken. Auf der einen Seite die niederländischen Autoritäten, die kapieren müssen, dass der radikale Islam und seine Anhänger sich in den Niederlanden festgesetzt haben, und auf der anderen Seite die muslimischen Massen, damit sie lernen, die hässlichen Muttermale ihrer Religion zu sehen."

Bereit, sehr weit zu gehen, das klingt fast wie Understatement: Ihr Einsatz ist ihr Leben. Es gibt hin und wieder diese Art von Kompromisslosigkeit, die Menschen an einen Punkt bringt, an dem fast schon unwahrscheinlich ist, dass sie überleben. "Tote auf Urlaub" hat ein Revolutionär früherer Zeiten solche Leute einmal genannt. Eine solche Unbedingtheit kommt ohne einen Schuss missionarischer Radikalität nicht aus, gewiss auch nicht ohne eine Prise exzentrischen Wahnwitzes. Ohne diese Unbedingtheit werden Kämpfe von der Art, wie Ayaan Hirsi Ali sie führt, nicht aufgenommen und schon gar nicht durchgehalten.

Ihr Stil mag manche verstören, vielleicht ist sie gelegentlich maßlos in ihrem Zorn, aber eines ist sie mit Gewissheit: eine bewundernswerte Frau. (DER STANDARD, Album, Print-Ausgabe vom 20./21.11.2004)

Von Robert Misik

Der Autor ist Essayist und Publizist, er lebt in Wien.

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    Ayaan Hirsi Ali
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