Barbara Vinken im STANDARD-Interview über das Marie-Antoinette-Syndrom

6. Dezember 2004, 12:01
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Haare, Schuhe und Schmuck machen die Politikerfrau

STANDARD: Ist der Fall von Suha Arafat ein Einzelfall?

Barbara Vinken: Suha Arafat steht in der langen Reihe der Frauen, die als starke Ehefrauen in eine eigentlich männlich geprägte politische Öffentlichkeit treten. Dort haben sie nicht der demokratisch-republikanischen Ideologie, wohl aber der Praxis zufolge eigentlich nichts zu suchen - es sei denn ausschließlich als Ehefrau, an der Seite ihres Mannes, Mutter seiner Kinder. Frau Bush verkörpert einen solchen Typus der Ehefrau exemplarisch. Wenn sie nicht ganz in dieser Rolle aufgehen, das kündigt sich meistens in der Qualifikation "Feministin" oder "Karrierefrau" an, unterstellt man, dass sie über ihren Mann und durch seine Beherrschung zu Macht kommen wollen. Noch schlimmer ist es wie im Falle von Suha Arafat, wenn ihre Mutter sie angeblich in diese Machtposition befördern wollte. Ich würde dieses Phänomen als das Marie-Antoinette-Syndrom beschreiben.

STANDARD:Warum werden Frauen so gerne dämonisiert?

Vinken: Auf diesem bestimmten Typus von Politikerfrau oder von in der Öffentlichkeit prominenten Frauen lädt die bürgerlich, republikanische Sphäre die Vorurteile ab, die sie einmal gegen eine Klasse hatte, gegen die sie sich durchgesetzt und von der sie sich abgesetzt hat, der Aristokratie nämlich, die in der Demokratie zum Inbegriff der willkürlichen Tyrannei wird. Diese Frauen, die nicht ganz domestiziert werden können, werden zur Verkörperung verantwortungsloser Vergnügungs- und Verschwendungssucht, die ihre geringste Caprice ohne Rücksicht auf Verluste tyrannisch durchsetzen. Die Republik, oder die moderne Demokratie, tritt außerdem als ein Machtkörper an, in dem erotische Anziehung keine Rolle mehr spielen darf. Die Dämonisierung dieser Art von Frau hängt auch damit zusammen, dass man ihnen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihre Männer zugesteht - die Vorstellung von sexueller Hörigkeit ist nicht fern -, die ihnen diese unterwirft. Es ist diese zugesprochene erotische Macht in einer Sphäre, in der es idealerweise heterosexuell frei zuzugehen hat, die die Öffentlichkeit fasziniert und beunruhigt.

STANDARD: Warum entzündet sich dieser Dämonisierungsprozess immer an Äußerlichkeiten?

Vinken: Ja, an Schuhen, Haaren und Schmuck. Neuerdings auch Namen, Haute Couture und Designer Label. Die Frisur der Marie-Antoinette, die so hoch war, dass sie sich in den Kutschen hinknien musste, ihr diamantenes Halsband, das das Volk in den Ruin stürzte, die goldenen Absätze der Elena Ceausescu, die Schwindel erregend vielen Schuhpaare von Imelda Marcos, die blondierten und mit teuren Strähnchen gehighlighteten Haare der Suha Arafat, die natürlich auch sehr viele Schuhe haben soll. In der Moderne unterscheiden sich die Geschlechter dadurch, dass der bürgerliche Mann ostentativ Modeverzicht leistet und Weiblichkeit, Mode und Adel synonym werden. Darum hat das Auftreten von Frauen in der Öffentlichkeit freier, gleicher, brüderlicher Männer - wenn sie sich dann nicht männlicher als die Männer gerieren - ein Moment des blendenden Scheins, des Unseriösen, des Nicht-Ernstzunehmenden, aber auch des gefährlich Verführerischen. Es wird unterstellt, dass hier mit unlauteren Mitteln, den Waffen einer Frau, gearbeitet wird.

STANDARD: Gibt es einen Wandel vom Hausmütterchentyp zur selbstbewussten, berufstätigen Frau?

Vinken: Hillary Clinton hat das für die Politik versucht, und es hat die USA gespalten. Auf die Frage, warum sie nach der Geburt ihrer Tochter nicht zu Hause geblieben ist, antwortete sie, dass sie keine Lust hätte, den Rest ihres Lebens Plätzchen zu backen. Ein schwerer strategischer Fehler, den ihr die "soccer moms der suburbia" nie verzeihen werden. In Frankreich sind die Verhältnisse wahrscheinlich am emanzipiertesten, was misogyne Ausfälle eher bestätigen als dementieren. Deutschland ist wesentlich traditioneller, Frau Schröder-Kopf oder Frau Rau haben selbstverständlich ihren Beruf aufgegeben, um ganz zur Ehefrau und Mutter zu mutieren.

STANDARD: Was dürfen, können, sollen Politikerfrauen?

Vinken: Im einfachsten, aber traurigsten Fall sind sie, völlig selbstbestimmt natürlich, die Frau an seiner Seite, die ihm den Rücken freihält. Das trifft auf die breiteste Akzeptanz. Die eleganteste Lösung ist wahrscheinlich, sich ganz rauszuhalten wie die Philosophin Sylviane Agacinski, die Frau von Lionel Jospin. Keinesfalls aber darf der Eindruck entstehen, den Mann zum Machtinstrument machen zu wollen - durch erotische Anziehung, Haare, Schuhe, Schmuck, Gucci. Hillary Clinton hängt nach, dass man sie für klüger hielt als ihn. Sie darf ihm nicht überlegen sein oder dann nur um den Preis der totalen Unsichtbarkeit.

STANDARD: Verändern sie auch das Image der dazugehörenden Männer?

Vinken: Ja, auf jeden Fall. Im Falle Suha Arafats etwa wurde die Ehe geheim gehalten, weil Arafat mit Palästina verheiratet war. Wenn die Frau an seiner Seite zu stark ist, gerät der Mann in den Verdacht, ein Weichling zu sein, ist sie zu attraktiv, gerät er in den Verdacht, sich selbst nicht ganz zu beherrschen und deswegen nicht über andere herrschen zu können. (DER STANDARD, Album, Print-Ausgabe vom 20./21.11.2004)

Barbara Vinken ist Professorin für Romanistik an der Universität München. Sie veröffentlichte Bücher über Mode, Feminismus und Pornographie.
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