Leben wie im Musical

6. Dezember 2004, 12:01
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Die Ära der großen Politdiven ist vorbei

Diejenigen, die sie noch persönlich in Amt und Würden als philippinische Präsidentengattin erlebt haben, sagen, sie sei damals keine Königin gewesen, sondern eine Kaiserin: Imelda Marcos, die mächtige First Lady der Philippinen. Ihr Verschleiß an Schuhwerk wurde legendär, er war jedoch nur die medial meistbeachtete Spitze des Eisberges von Luxus und Tollerei, mit dem die stets perfekt Ondulierte und mit schwerem Gestein Behängte samt ihrem gewaltigen Hofstaat das schöne Inselreich terrorisierte.

Selbst 18 Jahre nach dem Sturz Ferdinand Marcos' und damit auch Imeldens durch die People-Power-Bewegung von Corazon Aquino ist Imeldas zweifelhafter Nimbus von zeitgenössischen Politikergattinnen unerreicht. Keine andere Erste Dame jedwedes Staates hat seither derart unappetitlich-protzig auf die Pauke gehauen wie Imelda.

Es scheint so, als ob die Zeiten der exaltierten Politdiven, die wie die Sonnen neben den Schatten ihrer Politikermänner auftauchten und selbst so etwas wie Politik zu machen begannen, endgültig vorbei seien. Bis auf die entmachtete Imelda sind sie jedenfalls alle tot: Eva - Evita - Perón, Jacqueline Kennedy, Lady Di - um nur die strahlendsten zu nennen. Und Nachfolgerinnen sind nicht in Sicht.

Seit Jacqueline Kennedy, zum Beispiel, hat keine der nachfolgenden US-First-Ladys auch nur irgendwie durch Mondänität geglänzt. Vorbei die Zeiten, da die zierliche Präsidentengattin mit mondgelbem Seidenkostüm und weißen Handschuhen angetan die indischen und amerikanischen Massen begeisterte, indem sie nonchalant auf dem ebenfalls entsprechend aufgetakelten Staatsbesuchselefanten ein paar Runden drehte. Man stelle sich etwa Barbara oder Laura Bush an ihrer Stelle vor.

Vorbei auch die Zeiten, in denen der "Look" einer First Lady nachgerade stilprägend war. Als Jackie Kennedy etwa noch während des Präsidentschaftswahlkampfes angefeindet wurde, weil sie vorzugsweise französische Couture trug, verbündete sie sich kurzerhand mit dem amerikanischen Modeschöpfer Oleg Cassini und ließ sich von ihm ihre heute legendären Roben einfach nach europäischen Vorbildern nachschneidern.

Derartige divenhafte Anwandlungen kommen heute nur noch vereinzelt und in vergleichsweise mickrigeren Politpositionen vor. Zuletzt erschütterte etwa die Gattin des mittlerweile wegen einer Affäre aus seinem Amt verscheuchten Schweizer Botschafters Thomas Borer in Berlin die Eidgenossen, indem sie großzügige Einblicke leiblicher Natur gewährte und sich im gerade frisch eröffneten Botschaftsgebäude in ausgesprochen luftiger Gewandung ablichten ließ.

Glamour und Sozialengagement

Die wirklichen Großkaliber an den Seiten staatstragender Männer haben zu ihren Zeiten allerdings ganz andere Schauspiele aufgeführt. Evita Perón beispielsweise stellte bis zu ihrem frühen Tod 1952 mit einer perfekt inszenierten Mischung aus Glamour und Sozialengagement alles in den Schatten, was bisher da gewesen war. Zur exklusiven Papstaudienz erschien sie mit 20-minütiger Verspätung, den spanischen Diktator Franco umgarnte sie mit Dior-Robe und Edelsteingeglitzer, in Buenos Aires betrat sie in Stöckelschuhen die Slums, um mildtätige Gaben zu verteilen und ihre in Lumpen gehüllten Landsleute zu umarmen, das Frauenwahlrecht verkündete sie vom Präsidentschaftsbalkon. Als die Schauspielerin und Perón-Gattin mit 33 Jahren starb, türmten sich die Blumen bis zu acht Meter hoch vor dem Gebäude, in dem sie aufgebahrt lag.

Die Leben all dieser Damen wurden verfilmt, vielfältig in Biografien verpackt und bis zum letzten Armband dokumentiert. Imelda hat ihr Schuhmuseum, Jackie ihre musealen Kleiderausstellungen, Evita ihr Musical.

Imelda Marcos wurde - quasi als letzte Überlebende der Glamourqueens - soeben eine Filmdokumentation zuteil. Darin plaudert sie mit angealterter Grandezza aus ihrem Leben und verkündet etwa, dass sie immer nur das Beste für alle wollte. Ob auf ihrem Grabstein wirklich, wie sie es sich wünscht, stehen wird "Here lies love", sei dahingestellt. Ob die rund 150 Strafverfahren, die noch gegen sie laufen, die Unterdrückung der Filipinos in der Marcos-Ära wieder gutmachen können, ebenfalls. (DER STANDARD, Album, Print-Ausgabe vom 20./21.11.2004)

Von Ute Woltron
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