"Die Spielwütigen": Im Theater der Formbarkeit

26. März 2005, 22:41
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Andres Veiels Film "Die Spielwütigen" begleitet sechs Jahre lang vier Nachwuchsschauspieler

Wien - Der unmittelbarste Ausdruck ist die erste Reaktion auf die Nachricht, dass die wichtigste Schwelle überschritten ist: Alle vier Nachwuchsschauspieler von Andres Veiels Dokumentarfilm Die Spielwütigen werden in der renommierten Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule aufgenommen. Die einen fallen sich in die Arme, tauschen vor Glück Küsse aus, die anderen erstarren kurz, bis die Lähmung in Euphorie übergeht.

Sechs Jahre lang, von 1997 bis 2003, hat Veiel Karina Plachetka, Constanze Becker, Stephanie Stremler und Prodromos Antoniadis auf ihrem Weg begleitet, von den ersten Proben bis zum ersten Engagement. Zu Beginn ist der Traumberuf nicht mehr als ein frommer, ambitionierter Wunsch; auch wenn bereits die Aufführungen vor den Eltern den Eindruck erwecken, dass es nicht am Mangel an Talent scheitern sollte.

Aber der Selbstentwurf als Schauspieler verlangt Ausdauer und Durchsetzungskraft, und das ist das eigentliche Thema des Films - wie jemand das wird, was er sein will; wie viel dabei verformt wird, und was an Eigensinn übrig bleibt: Ein Coming-of-Age-Drama ist Die Spielwütigen, entgegengesetzt zu Veiels letztem Film, Black Box BRD, in dem er die Biografien eines Bankers und eines RAF-Aktivisten parallelisierte und dabei aus der Gegenwart heraus die Vergangenheit zu entschlüsseln suchte.

Die Bewährungsproben beginnen in Die Spielwütigen bereits bei der eigenen Familie. Während Plachetka und Becker von ihren Eltern Rückhalt bekommen, sieht sich Stremler mit Vorbehalten gegenüber dem "unseriösen Gewerbe" konfrontiert; bei Antoniadis wiederum wirkt die Verwandtschaft eher eingeschüchtert, wenn er mit dem wütenden Monolog aus Taxi Driver auf sie loslegt. Er bleibt in der Folge der Rebell in diesem Entwicklungsdrama.

Das Ringen zwischen einer autoritären Instanz und der jeweils eigenen Vorstellung von Schauspielerei spitzt sich in der Schule noch zu. Veiel durchläuft mit seinen Protagonisten die einzelnen Etappen der Ausbildung, wobei er sein Augenmerk eher auf krisenhafte Momente legt: Hier wird aus der Utopie des künstlerischen Arbeitens ein Prozess der Disziplinierung, ein Modell der Anpassung und des graduellen Ausscherens. Letzteres zeichnet sich vor allem in den Einzelinterviews mit den Darstellern ab.

Doch Die Spielwütigen ist kein institutionskritischer Film: Dafür verfährt die Montage mit den Szenen zu sehr nach erzählerischen Maßstäben. Auf Momente des Zorns folgt kathartischer Gitarrenrock. Auf die Schule das erste Engagement. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.11.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

die-spielwuetigen.de
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    foto: viennale
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