Zerschlagung des Ölriesen ist angelaufen

1. Dezember 2004, 15:57
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Mit der jetzt fixierten Versteigerung des Herzstücks – der Fördertochter Yuganskneftegaz – schlagen die letzten Stunden von Yukos. Das Startgebot ist auffallend niedrig

Der Kampf des Yukos-Konzerns gegen die russischen Behörden geht dem Ende zu. Die größte Yukos-Fördertochter, Yuganskneftegaz, wird am 19. Dezember versteigert. Das war wohl erwartet, dennoch kam am Freitag die Ankündigung des Auktionstermins überraschend und machte offenbar, dass die Verhandlungen zwischen Behörden und Konzernleitung endgültig in der Sackgasse gelandet sind.

Wie der staatliche Eigentumsfonds mitteilte, wird der Yukos-Konzern noch heuer zerschlagen – konkret: 76,79 Prozent der Aktien von Yuganskneftegaz, das 62 Prozent des Yukos-Öls produziert, werden am 19. Dezember versteigert. Als Startgebot nannte der Eigentumsfonds 246,75 Milliarden Rubel (8,6 Milliarden Dollar), womit man Yuganskneftegaz insgesamt auf etwa 10,8 Milliarden Dollar bewertet hat.

Erst der Anfang

Mit dem Verkauf wollen die Behörden die Steuerschulden des Konzerns von 18,4 Milliarden Dollar für die Jahre 2000 bis 2002 begleichen. Dafür freilich reicht der genannte Verkaufspreis nicht aus, zumal Steuernachforderungen für 2003 noch ins Haus stehen. Analysten deuten dies als klaren Hinweis darauf, dass sich der Staat mit dieser Versteigerung nicht begnügen wird, andere Yukos-Fördertöchter folgen werden.

Am meisten desillusioniert sind Unternehmer und Schätzer freilich vom Startgebot, wiewohl seit langem vermutet worden ist, dass das Unternehmen weit unter Wert verkauft werden wird und damit die russische Tradition der Versteigerungen zum Schleuderpreis an vorab bestimmte Käufer fortgesetzt wird.

Tatsächlich gehen die Behörden beim Startgebot von der konservativsten Variante aus, die die zur Bewertung engagierte deutsche Bank Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW) abgegeben hat.

Über deren andere Varianten hatte sich das Justizministerium ausgeschwiegen, denn tatsächlich hatte DrKW auf 15,7 bis 18,4 Mrd. Dollar geschätzt. Andere Branchenbeobachter setzten noch höher an.

"Diebstahl"

Yukos selbst protestierte aufs Schärfste gegen die Versteigerung; Es sei ein Diebstahl mit politischem Ziel, sagte Yukos-Chef Steven Theede. Und das Gros der Beobachter sieht die Versteigerung allein darin begründet, dass sich die russische Justiz widerspruchslos der Staatsmacht unterwirft.

Analysten hatten schon seit langem darauf verwiesen, dass ein niedriges Startgebot bedeuten könne, dass die Öltochter an einen Staatskonzern gehen soll. Demnach hätte das Startgebot allerdings auch noch tiefer sein können.

Wahrscheinlichster Käufer Gazprom

Als wahrscheinlichster Käufer wird nach wie vor der russische Gaskonzern Gazprom genannt. Über diesen hatte sich der russische Staat mittels Fusion mit dem Ölkonzern Rosneft jüngst die Kontrolle gesichert. Dahinter steckt die Absicht, einen staatlich gelenkten Energiegiganten zu schaffen.

Als potenzielle Käufer wurden auch andere russische Konzerne genannt, allen voran der Kreml-loyale und drittgrößte Ölkonzern Surgutneftegaz, der die meisten freien Mittel von sechs Milliarden Dollar hat und dessen Felder neben Yuganskneftegas liegen. Freilich leugneten alle bisher ihr Interesse.

Es werden allerdings auch ausländische Anwärter für den Kauf diskutiert, etwa die italienische Ölgesellschaft Eni. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.11.2004)

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