Darf ein Stadtwappen sexy sein?

1. Dezember 2004, 11:01
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Die Warschauer debattieren hitzig über die Oberweite der neuen "Syrenka"

"Die Brust ist zu klein", unterbrach eine Ratsherrin in Ustka lautstark die sich hinziehende Sitzung des Gemeinderates. "Was?" rieben sich die plötzlich wieder wachen männlichen Kollegen die Augen. "Was für eine Brust?" Vierzehn Augenpaare richteten sich auf die Oberweite der Ratsherrin. Die aber reckte nur stumm den Arm und deutete auf das Stadtwappen über dem Kopf des Bürgermeisters. Und da sahen es alle: Die Syrenka, die geliebte Meerjungfrau der polnischen Küstenstadt, hatte gar keinen Busen.

Wie ein Mann schrien die Ratsherren auf. Damit wollten und konnten sie sich nicht abfinden. Eine Meerjungfrau ohne Busen! Wo käme man denn da hin? Was sollte die Welt von Ustka denken? Fieberhaft malten sie Busen um Busen. Riefen das Amt für Heraldik an und die Denkmalschützer. Das Stadtwappen von Ustka brauchte eine Brustvergrößerung.

Die Nachricht von der busenlosen Syrenka drang bis in die Hauptstadt Polens vor. Sofort riefen auch hier die Ratsherren eine Krisensitzung ein. Denn auch Warschau hat eine Meerjungfrau im Stadtwappen. Der Busen wurde begutachtet. Fachmännisch. Schweigend. Sich räuspernd. "Nicht gerade sexy", grummelte schließlich einer. "Leicht hängend", setzte ein anderer seufzend hinzu.

Was tun? Die Warschauer Syrenka hing in tausenden von Amtszimmern, prangte auf sämtlichen Dokumenten, fuhr auf Bussen und Straßenbahnen durch die ganze Stadt. Eine Brustvergrößerung käme ziemlich teuer. Die Denkmäler würde man nicht antasten. Da war man sich schnell einig. Doch das Wappen, das konnte so nicht bleiben. Im Budget wurden 20.000 Zloty (4700 Euro) für die Überarbeitung angesetzt.

Doch damit nicht genug. Warschau brauchte ein neues Logo. Mit dieser Edel-Syrenka, die einen Säbel über ihrem Kopf schwang und Angreifer mit einem Schild zurückdrängte, war kein Tourist in die Stadt zu locken. Da waren sich die Ratsherren sicher. Also machten sie noch einmal 195.000 Zloty (46.000 Euro) locker. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben. "Verlieb dich in Warschau" stand schon als Slogan fest. Künstler und Designer sollten nun das passende Werbelogo dazu finden.

Doch als den Warschauern nach Monaten die sexy Meerjungfrau präsentiert wurde, ging ein Aufschrei durch die Stadt. Entsetzt wandten insbesondere Rentner die Augen ab: "Unanständig ist das! Dieser Busen! So eine Schande!" Auf der Straße, in Supermärkten, Bussen und Straßenbahnen gab es nur noch ein Thema: Busen und Nabel der neuen Syrenka. Radio und Fernsehen nahmen Sondersendungen ins Programm. Ein Hörer klagte: "Diese Syrenka schwingt ein Nudelholz und eine Bratpfanne! Damit lockt man doch keine Touristen nach Warschau." Ein anderer erkannte in dem leicht abstrakten Schutzschild eine gigantische Tomate.

Oberbürgermeister Lech Kaczynski, der nicht unbedingt als Frauenheld gilt, zog es vor, öffentlich zu schweigen: "Kein Kommentar!" Allein die Studenten scheinen die neue Warschauer Syrenka ins Herz geschlossen zu haben. Das Denkmal auf dem Marktplatz in der Altstadt jedenfalls trägt immer wieder einmal einen knallroten Wonderbra. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19.11.2004)

Von
Gabriele Lesser aus Warschau
  • Die Warschauer "Nixe"
    foto: polnische fremdenverkehrsamt

    Die Warschauer "Nixe"

  • Syrenka am alten Stadtwappen
    foto: polnische fremdenverkehrsamt

    Syrenka am alten Stadtwappen

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