Pflücker und ihre Früchtchen

26. Dezember 2004, 22:28
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Heimabend: Nina Gabriels "Mein Bulgarien!" im Wiener Kabelwerk

Wien - Die sozialistische Volksdemokratie Bulgarien besaß zu ihren mausgrauen Mangelzeiten ein so exquisites wie übersüßtes Exportgut, das - bei Ermangelung des orthodoxen Zwetschkenrösters - zu jedem Kaiserschmarren hervorragend mundete: eingelegte Pfirsichhälften im Einmachglas, auf dessen Klebeetiketten gleich einer Göttin Demeter die Silhouette einer glücklichen sozialistischen Obstpflückerin prangte.

Heute ist der Sozialismus tot - ein bloßer Nostalgieartikel für Kaufkraftverlierer, die am Sozialismus weniger die Satzungen des Leninismus als die Kuhbauchwärme einer rückblickend verklärten Solidargemeinschaft schätzen.

Insofern ist dem langatmigen, mit Quetschkommoden und kindergrammatischen Drolligkeitsbeweisen reichlich ausgestatteten Theaterabend Mein Bulgarien! Unser Balkan! Deren Diktatur! Eure Tschuschen! der in Wien lebenden Bulgarin Nina Gabriel (Regie und Buch) grenzenlose politische Naivität vorzuwerfen: Die lokale Pflückwirtschaft ist vermutlich in die Hände unsentimentaler Westinvestoren übergegangen.

Nostalgie und Kitsch

Über die noch immer ungeraden Pflastersteine der Avenuen in Sofia, auf deren abschüssigem Terrain einst die Straßenschmuddelkinder selig tempelhüpften, rattern jetzt die Westkarossen von Modernitätsgewinnlern, die für die Treuherzigkeit von Frau Gabriel gewiss ein Lächeln übrig haben. Auf dem ausgekühlten Areal des Meidlinger Kabelwerks werden in lockerer, heiterer Folge - und mit beträchtlichem schauspielerischem und technischem Aufwand - die Widrigkeiten einer obenhin "behüteten" Kindheit zu Garanten von zwischenmenschlicher Nähe und Wärme hochgelogen. Das verluderte Bett der Diktatur: Seine durchgewetzten Leintücher und Schmutztuchenten werden begütigend abgeklopft.

Die zu leistende Abbitte heißt: Hatten wir auch keine Tampons und kaum jemals Klopapierrollen zur Verfügung, stand uns auch kein Wasser bis zum Hals, weil es von der Staatsagentur wieder einmal abgedreht worden war - so zwischendurch und miteinander verstanden wir Kinder vom Bahnhof Klo uns immer prächtig! Eine solche "Geschichtsschreibung von unten", die sich als naives, wenn auch mit Video tüchtig aufgemotztes Stationen-Off-Off-Theater verkleidet, zehrt von den Folklore-Quietsch-und-Kratzhappen, die es bereitwillig verabreicht.

Während dreieinhalb Stunden wird weniger an der Stringenz eines zusammenhängenden Abends als an der Dosierung unhinterfragter so genannter "Gefühlswerte" gearbeitet. Um nicht falsch verstanden zu werden: Niemand will einem Schlag spielwütiger "Jugendlicher" - voran die natürlich wieder staunenswert begabte Gerti Drassl vom Wiener Josefstadt-Theater - die Freude an ethnologisch verhaltensauffälligen Gewalt-und Spielritualen rauben.

Aber mit vier Simultanspielstätten, auf denen entbehrungsreiches Leben wie in der Sozialismuszentrifuge aufersteht, wären wohl auch die Verweser der geläufigen Stadttheaterästhetik überfordert gewesen. Vom Kompott der Erinnerung bleibt der Schmarren dieses Abends.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.11.2004)

Von Ronald Pohl
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