"Wild Side": Heimkehr ohne Zorn

26. März 2005, 22:29
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Sébastien Lifshitz' ungewöhnlicher Beziehungsfilm "Wild Side"

Wien - Ihr Geld verdienen sie auf den Straßen von Paris. Jamel (Yasmine Belmadi) und Stéphanie (Stéphanie Michelini) gehen auf den Strich, er als Hustler auf Bahnhofstoiletten, sie als Transsexuelle in der Nähe des Bois de Bologne. Der Russe Michail (Eduard Nikitine) jobbt als Tellerwäscher in Restaurants. Er ist der Dritte in diesem ungewöhnlichen Dreieck der Liebe. Eine Selbstverständlichkeit herrscht im Umgang dieses Trios vor; was andere Filme als widrige Lebensverhältnisse zeigen würden, vermittelt hier den Eindruck von Freiheit.

Wild Side, der aus dem Song von Lou Reed entlehnte Titel des Films von Sébastien Lifshitz, markiert die Zone, in der sich die drei Figuren bewegen; normierte geschlechtliche Identitäten gelten hier wenig, auch ethnische und sprachliche Barrieren werden übergangen: Am Rand sind alle etwas gleich. Dennoch bildet sich im Verhältnis zwischen Stéphanie und ihren beiden Liebhabern auch ein Familiensinn ab. Während sie vor dem Spiegel steht, köpfeln sich die Männer wie zwei Kinder einen Ball zu.

Lifshitz belässt es nicht dabei, in dieses Milieu einzudringen, er sucht den Kontrast zu einem traditionellem Modell. Weil Stéphanies Mutter (Josiane Stoleru) erkrankt, zieht das Trio in den Norden aufs Land. Die Geschäftigkeit der Großstadt weicht in den klaren Bildern von Kamerafrau Agnès Godard leeren Herbstlandschaften, in denen sich auch der schleichende wirtschaftliche Niedergang der Region abzeichnet.

Das Sterben der Mutter gerät für Stéphanie nochmals zur Konfrontation mit ihrer Kindheit. Wild Side verläuft damit entgegengesetzt zur Bewegung des herkömmlichen Comingout-Films. Nicht die Konstruktion einer Identität wird hier verhandelt, als Gegenentwurf zu Werten und Normen der Herkunft. Eher geht es darum, in der Rückkehr den eigenen Status zu überprüfen, mit einer versöhnlichen Geste den Ort des Aufwachsens für sich wiederzugewinnen und so mit ihm abzuschließen.

Wild Side begibt sich damit, als Beispiel für ein New Queer Cinema, auf die Suche nach einer umfassenderen Auffassung von Heimat, die beim Körper Stéphanies beginnt. Er wird aber nie zum Belangfilm, weil er ein künstlerisches Ansinnen verfolgt. Dass der neue Verleih Firstchoicefilms die Arbeit nun in österreichische Kinos bringt, stellt eine echte Bereicherung des Angebots dar.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.11.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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    foto: first choice films
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