Oh tempora, oh mores

9. Dezember 2004, 14:21
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Wo beginnen? Die letzte Woche war so wunderbar, dass ich fürchte, Sie glauben mir kein Wort. Die Reihe der wundersamen Begebenheiten begann mit einem starken Ritter, der in unserem Haushalt vorbeikam und eine neue Energiesparlampe in die Vorzimmerdecke schraubte. Fiat Lux. Danach rief ein Kunde an, dass ich die mir übertragene Aufgabe gut gemeistert hätte. Haben Sie so was schon erlebt? Außerdem erklärte Herr D. - vor Zeugen -, dass die Zufallskolumne mitunter so belebend wirkt wie ein schwedischer Masseur! Bis auf drei Kleinigkeiten hab ich überhaupt keinen Grund zu klagen, denn so ging die Glückssträhne weiter.

Es ist endlich Mitte November - endlich ist es draußen genauso grau wie drinnen im Herzen, man muss nicht gegen kognitive Dissonanzen und Double Binds ankämpfen, und ich verlasse das Bett nicht mehr. Welch ein Glück, dass ich Single bin - zwischen Cornflakes und Telefon und Laptop wäre überhaupt kein Platz für einen Liebhaber. Bloß war heute in einem Cerealienpaket der Firma K. ein Kümmelkorn. Das kennt man vom Sauerkraut, aber im Müsli fällt es auf. Ich durchsuchte die Packung, ob es sich um das neue große K-Kümmel-Gewinnspiel handelt: Finden Sie den Kümmel und werden Sie Millionär! Aber es scheint sich um eine so genannte Geheim-Promotion zu handeln, von der niemand weiß. Wenn die Marketingleiterin von K. das zufällig liest: Ich! Ich! Ich hab den Kümmel gefunden! Aber schon geht es weiter mit guten Nachrichten. G. rief an und meinte: "Es wird langsam auch bei uns besser, weil es immer ärger wird." Ist es nicht schön gesagt? Da denkt man immer, alles sei einzementiert und einbetoniert, aber plötzlich erodiert die psychoökonomische Situation, und alles wird gut. Wenn da nicht kleine Ärgernisse wären.

Ich hab ja jetzt eine zweistündige Lizenz zum Beschwatzen Jugendlicher und ich muss sagen: Diese Leute sind ganz schön streng. Wenn ich ihnen beibringen will, dass man kräftig lügen muss, um andere Leute zu bereichern, holen sie das moralische Mäntelchen heraus und wollen ehrlich sein. Sollten sie lieber Theologie studieren? Um ehrlich zu sein: Diese Jugendlichen sind auch viel zu streng mit der Religion. Sie verlangen sogar von der Religion Ehrlichkeit. Oh tempora, oh mores. Gut, dass es noch solche angejahrten Leichtfüße wie mich gibt. Eigentlich bin ich im November immer ganz zufrieden mit mir. Ich kann bloß so schlecht Kritik ertragen. Wochenlang trau ich mich nicht, in meine Zufallsmailbox zu schauen, aus Angst vor kritischen Zuschriften. Die Mailbox liegt hinter einer so genannten Firewall. Passwortgeschützt. Ich kenne das aus der Oper Siegfried, da sitzt Brünnhilde hinter einer Firewall, und wenn Siegfried da reingeht, gibt es erst Violinorgasmen, aber dann beginnt die Katastrophe und alles bricht zusammen. Will damit sagen: Ich antworte ganz bestimmt nächste Woche.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/19/11/2004)

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