Burgenländischer Wald steht unter Strom

25. Februar 2005, 10:29
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Zentrum für erneuerbare Energie in Güssing arbeitet daran, den Energiebedarf der Industrieländer von Öl auf Holz umzustellen

Das Europäische Zentrum für erneuerbare Energie im südburgenländischen Güssing arbeitet daran, den Energiebedarf der Industrieländer von Öl auf Holz umzustellen. Die Energiezukunft gehört demnach nicht den Konzernen, sondern den Kommunen.

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Jede innovative Entwicklung - so durchaus pauschal wird man das wohl sagen dürfen - nimmt an jenem Punkt ihren Ausgang, an dem das Milchmädchen seine Rechnung einmal ohne den Wirt gemacht hat. Im Fall des Reinhard Koch war das irgendwann im Jahr 1989. Da nahm der Wien-Pendler einen Job in der Stadtverwaltung im heimatlichen Güssing an, und weil er ein gelernter Energietechniker war, setzte er sich hin und rechnete dem Bürgermeister und seinem Gemeinderat vor, was der Energiewirt der Stadt kostet: 70 Millionen in damaliger Währung, 300 Millionen in der ganzen Region, die der lokalen Wirtschaft verloren gehen.

Energieautark

Und weil Güssing, einer der infrastrukturell am schwersten belasteten Bezirke Österreichs, nach jedem Strohhalm greifen musste, beschloss der Gemeinderat: "Wir werden energieautark."

15 Jahre später ist das Güssing, wenn man es so sagen will, weit über die Grenzen des Südburgenlandes hinaus gelungen. Das Europäische Zentrum für erneuerbare Energie (EEE) ist zu einer Art Touristenattraktion geworden, Wissenschafter und Kommunalpolitiker aus der ganzen Welt holen sich hier Ezzes, unlängst haben sie sogar ein eigenes Hotel hingebaut, gleich neben das Technologiezentrum, um das herum ein stets noch wachsender Gewerbe- und Industriepark entstanden ist, insgesamt 750 neue Arbeitsplätze.

Dezentrale Energie

Der Grund dafür ist ein ganz simpler: das Holz aus den umliegenden Wäldern, das hier in Güssing die primäre Energiequelle ist. In einem raffinierten, mehrmals rückgekoppelten Verfahren wird aus dem in diesem Prozess "Biomasse" genannten Holz Wärme, Strom, Gas und Treibstoff, und wenn es nach Reinhard Koch geht, wird sich ganz Europa am Güssinger Modell infizieren, was, sagt er, die großen Energiekonzerne schon auf den Widerstandsplan gerufen hat. "Wir haben nicht nur ein technisches Verfahren entwickelt, sondern auch ein politisches. Unser Modell macht nur dezentral Sinn, dadurch geht Macht verloren."

Mit Kioto (siehe "Wissen") hat das ursprünglich nichts zu tun gehabt, aber der Beschluss, den Kohlendioxidausstoß deutlich zu reduzieren, hat Güssing fraglos in die Konjunktur gebracht. Die Nutzung des Holzes zur Energiegewinnung setzt ja nur soviel CO2 frei, wie zuvor im - nachwachsenden - Baum gebunden war, ist also treibhausgasmäßig neutral. Das EEE versteht sich deshalb nicht bloß als lokaler Energieversorger, sondern auch als Forschungsinstitut, um das herum ein Netzwerk von Wissenschaftlern agiert, für die Güssing sozusagen das Großlabor ist. Der diesbezüglich nächste Schritt folgt im nächsten Jahr: Das Güssinger Verfahren soll Oberwart durch das bestehende Erdgasnetz mit Gas versorgen.

Völlige Umstellung auf Holzenergie

Das Ziel ist die völlige Umstellung auf die Holzenergie. Schon jetzt kommen Wärme, Strom und Gas je nach Bedarf aus einer einzigen Anlage. Ein von der Automobilindustrie mitgetragener Forschungsauftrag soll das altbekannte Verfahren zur Herstellung von Benzin und Diesel aus Holz verfeinern. Auch hier, sagt Reinhard Koch, einst Basketballnationalspieler, gelte das Prinzip des Dezentralen.

Im Grunde sei das südburgenländische Verfahren zugeschnitten auf Kommunen. Die im Netzwerk hängenden Planer und Anlagebauer würden jetzt schon ihre Dienstleistungen anbieten, bis hin zum laufenden Betrieb. Eine durchschnittliche Gemeinde würde die Planung und Errichtung rund zwei bis zweieinhalb Millionen Euro kosten. Die Ölfelder dafür wären aber die Wälder der Gegend. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 18.11.2004)

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    Das Holz aus den umliegenden Wäldern ist in Güssing die primäre Energiequelle. In einem raffinierten, mehrmals rückgekoppelten Verfahren wird aus dem in diesem Prozess "Biomasse" genannten Holz Wärme, Strom, Gas und Treibstoff. Wenn es nach Reinhard Koch geht, wird sich ganz Europa am Güssinger Modell infizieren.

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